Der Garten der Weißen Blüte

 


Sein Meister hatte Isan Silberstimme in die Ruhe des Varnumon der Weißen Blüte geschickt, um über die Prüfung nachzudenken, die ihm bevorstand.

    Der quadratische Hof im Herzen der Sternenmutter gehörte bis zum Ruf der Geisterlure ihm und seinen Gedanken. Im silbernen Schatten des Weißdorns, der das Herz des kleinen Gartens bildete, hatte er sich an den niedrigen, schmalen Tisch aus Rosenholz gekniet und bereitete das Lomiré vor, das Sehen des Rauches. Es war ein milder Frühlingstag, und der kunstvoll gewobene Baldachin in den Farben der Aevadi, der bei Regen über den Hof gespannt werden konnte, war zurückgezogen. Samtenes Mittagslicht fächerte sich durch die in Blüte stehende Krone des Weißdorns und spiegelte sich in den perlmutternen Intarsien der fein gearbeiteten Werkzeuge, die Isan auf einem Seidentuch vor sich ausbreitete: Ein schmaler Silberlöffel, der konkave Kopf mit blumenhaften Durchschlagsmustern versehen; ein handtellergroßes, rundes Gefäß aus Lomholz, verziert mit Einlegearbeiten aus geschliffenem Perlmutt; ein mit Steingas angetriebener Anzünder in der filigranen Gestalt eines silbernen Lodoré des Feuers; und schließlich das Herzstück des Lomiré, die Lom-Pfeife, ebenfalls aus dunklem Lom-Holz und Silber gearbeitet, der Schlüssel der Geister, wie sein Meister manchmal zu sagen pflegte.

    Isan legte die Hände auf die Knie, schloss die Augen und sammelte seinen Geist. Seine wirbelnden Gedanken formten sich unter seinem Willen zu einer hellen, harten Kugel. Er drehte die Kugel, besah sie von allen Seiten und empfand sie als ausreichend. Sie würde das Gefäß sein, das seine Gedanken aufnahm, bis diese im Rauch des Lom in die Sphäre der Geister emporsteigen konnten. Er drang in die Kugel ein, so mühelos als tauche er in ein warmes Bad, und bettete seine Gedanken in ihr weiches Licht.

    Ohne die Augen zu öffnen, bereitete er die Lom-Pfeife vor. Seine Hände vollführten ihr Werk alleine, ohne die Unterstützung seiner Gedanken. Viele Stunden der Übung waren in seinen Fingern festgeschrieben, die den Weg, den sie zu beschreiten hatten, längst selber kannten. Mit dem Silberlöffel nahm er das zu einer klebrigen, roten Paste geformte Lom aus dem Gefäß und gab eine erbsengroße Menge in den metallenen Pfeifenkopf, der sich über eine feine, ovale Klappe öffnen ließ. Der Lodoré des Feuers blies seinen heißen Atem in den Kopf und entzündete das Lom. Erweckt von der Wärme leuchteten die Intarsien am geschwungenen Pfeifenhals auf, sprechende Inuu so fein wie die Haare eines kleinen Kindes.

    Isan nahm die Pfeife in beide Hände, führte das silberne Mundstück zu den Lippen, und während er den leicht süßlichen Rauch aus dem Pfeifenkopf zog und er das vertraute Knistern der brennenden Paste vernahm, befreite er seine Gedanken aus der Kugel, inhalierte und öffnete die Augen.

    Er schaute in das Blütenmeer des Weißdorns über ihm. Roter Rauch wob sich um die Blütenkelche, liebkoste den Baum, der schon so lange hier in diesem Garten heiliger Erkenntnis wuchs, dass selbst die ältesten Inada, die heiligen Schriftrollen der Aevadi, nichts über seine Abstammung zu berichten wussten.

    Sein Samen konnte in einem Heiligtum der Mardu gesprossen sein, damals vor tausend oder mehr Jahreskreisen. Aber diese Zahl hatte keine Bedeutung, nicht an diesem Ort, der sich der Macht der Zeit nicht zu beugen hatte.

    Isan beobachtete die Gestalt des Rauches, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, die tanzenden Formen mit seinem Verstand verstehen zu wollen. Seine Gedanken flogen mit dem Rauch, wurden von ihm getragen, auf federleichten Schwingen, hinauf in die Welt des uralten Weißdorns und darüber hinaus in die Frühlingswinde, die über dem Varnumon ihre Lieder sangen. Sein Kopf fühlte sich leicht an und taub, und er konnte die Stimmen hören, die über ihm schwebten wie seidenweicher Nebel. Sie gehörten dem Baum, der mit den Geistern sprach, die der Rauch zu ihm getragen hatte. Sie gehörten auch den Winden, die sich in der Baumkrone bewegten, sich an die wetterschwarzen Äste schmiegten. Aber sie waren noch nicht verständlich, ihre Worte noch verwaschen und undeutlich, als würden sie aus weiter Entfernung zu ihm kommen, und Isan zog erneut an der Pfeife, ließ das Lom brennen, um erneut mit seinem Rauch in die Höhe zu steigen. Seine Brust füllte sich mit warmem Rauch, und das Lom pulsierte in seinen Gefäßen wie von einem Windhauch gestreifte Glut.

    Irgendwann bevor das Maan des Gartenwächters seine Reise mit den Geistern beendete, würde es ihm gelungen sein, die Worte zu verstehen.

    Die Prüfung des Sprechenden Steins, die sein Meister ihm bald auferlegen musste, würde ihm dann keine unruhigen Nächte mehr bereiten.

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