Eilaa
Herzseherin spürte den Sturm kommen. Ein leichter Druck hinter der Stirn, die
Berührung einer weissagenden Hand, nicht mehr als eine Ahnung. Obwohl der
Himmel klar und blassblau über ihr lag wie eine ruhige Wasserfläche, nur
gesprenkelt von faserigen Wolkengeistern, wusste sie, dass sie Schutz suchen
musste, bevor der Wind plötzlich wechselte und brüllende Chimären aus
flirrenden Aschepartikeln aus dem weichen Boden erweckte. Hatte sie dann keinen
Unterschlupf, würde sie vielleicht nie mehr einen brauchen. Sie hatte nur von
wenigen Caadon gehört, die einen Dunkelsturm im offenen Gelände überlebt
hatten. Man sagte, Damoo Zweifinder sei es gelungen und Iruu Eisenauge habe im
Sturm sogar gegen einen Daar gekämpft, doch solche Geschichten wurden größer
und kühner je mehr man sie herumreichte, und irgendwann brachen sie sich wie
Wellen an einem steinigen Ufer und erstarben, oder aber die Marad zeigten sich
interessiert und hielten sie auf einer Inada fest, um sie fortan gegen ein
kleines Tempelopfer an den Herdfeuern der Kasten vorzutragen.
Eilaa ging ostwärts auf Yerion zu, dessen
Konturen am Horizont als schwarzblaue Schatten zu erkennen waren, nur ein paar
Wegstunden entfernt. Trockener Aschesand wirbelte um ihre kniehohen Stiefel und
schmirgelte das geölte Leder ab. Sie trug ihren mehrfach gefalteten Umhang aus
braunroter Yookwolle schräg über Brust und Rücken gespannt, das Gewehr darunter
dicht an der Wirbelsäule, geschützt vor der feinen Asche, die sich in jeder
noch so kleinen Spalte niederließ, schwarze Schlieren in Falten zeichnete, wo
kein Stoff, Leder oder Holz die Haut bedeckte. Die Rundgläser, die in ihre aus poliertem
Aamholz geschnitzte Gesichtsmaske eingelassen waren, trugen einen wasserdünnen
Lack, eine Versiegelung, die verhinderte, dass die Asche sich auf das
geschliffene Glas setzte und ihr irgendwann die Sicht nahm. Die skalierbare
Optik der Brille war ebenso überlebenswichtig wie die harte, mechanische
Funktionalität ihres Repetiergewehrs. Sie hatte die Gläser auf eine mittlere
Fernsicht eingestellt und studierte die unregelmäßigen Erhebungen und vom
konstanten Wind abgeschliffenen Dünen, die sich wie Wellen aus dem dunklen Sand
hoben.
Rund eine halbe Meile entfernt konnte sie
eine verschachtelte Felsformation ausmachen, ineinander gestürzte, schlanke
Steine, vielleicht eine Ruine der Naran, die so weit draußen in der Wüste immer
noch häufig zu finden waren, auf keiner Karte der Tama festgehalten, freigelegt
von ruhelosen Windfingern. Solche Orte aber waren nicht selten bewohnt.
Ruheplätze von versprengten Daar, die nicht mehr zu ihrem Klan zurückfanden,
verdammt zu einem langen Schlaf, der irgendwann nach ungezählten Jahren in eine
rostige Stasis überging, was wohl dem natürlichen Tod eines Daar entsprach.
Aber Eilaa hatte kaum eine Wahl. Die Felsen
waren in der optischen Reichweite ihrer Brille der einzige Hinweis auf einen
vielversprechenden Unterschlupf. Sie konnte es wagen weiterzugehen und
vielleicht doch noch eine Ansammlung versteinerten Totholzes oder eine
geschützte Felskuhle zu finden, doch es war ein Wagnis, das sie das Leben
kosten konnte, und eine Caadon wurde nicht ausgeschickt, um die Reise nach Olioné
herauszufordern. Sie war ihrer Kaste verpflichtet und der Suche, die diese
Verpflichtung zur Folge hatte.
Sie skalierte die Brille auf weite Fernsicht
und studiert die Felsen eingehender. Es waren zweifellos Mauerreste.
Verwitterter, grauschwarzer Stein, abgeschliffen von Wind und Wetter, bedeckt
von öligen, böse Träume und später den Tod bringenden Traumflechten. Außer dem
Donnergras, das im Schatten der Steine wucherte, bewegte sich nichts. Die
langen, schlanken Halme strichen wie Insektenbeine über die vernarbten Felsen. Kein
lebendes Metall fing das bleiche Wüstenlicht ein. Wenn es dort Daar gab, dann schliefen
sie oder waren längst nur noch bis zur Unkenntlichkeit verrostete Hüllen ohne
Erinnerung und Ansehen.
Eilaa reduzierte die Vergrößerung und ging
los. Der Wind hatte bereits zugenommen. Es war keine intuitive Ahnung mehr,
kein Flüstern im Nacken. Nun war es sichtbar. Die körnige Asche, aus der die
Olwuu bestand, wirbelte in kleinen Zyklonen auf, die Augenblicke später bereits
wieder zerfielen, doch bald schon würden sie groß und kräftiger werden und
schließlich die Größe einer Himmelsbarke angenommen haben. Schwarze Riesen aus
Wind und Asche, die alles hinwegfegten, was sich ihrem wirbelnden Totentanz
nicht anschließen konnte.
Als der Himmel sich zu verdunkeln begann wie
trübe gewordenes Wasser, beschleunigte sie ihre Schritte, bis sie schließlich
rannte. Asche und kleine Steine spritzten unter ihren Stiefeln auf. Der Wind
hatte sich bereits gedreht und schob schmutzige Wolkenschlieren über den
Himmel. Sie fokussierte sich auf die Felsen, die allmählich auch ohne die Hilfe
optischer Vergrößerung an Kontur gewannen. Ihr Atem ging schnell aber
regelmäßig. Sie lauschte ihm wie einem vertrauten Lied und spürte, wie eine
kühle Ruhe sie umfing. Die Geister des schnellen Laufes. Eine Übung, die sie
schon früh zu meistern gelernt hatte wie jede Caadon, die gewillt war, ihre
Suche zu überleben.
Sie erreichte die Felsen, als erste Blitze
den Horizont zerrissen, weißglühende Adergeflechte, eine Drohung aus Licht und
Hitze. Es war zweifellos eine Ruine der Naran. Alte Mauern, ein halber
Torbogen, die runden Wirbel eines umgestürzten Schlotes, daneben auch eiserne
Relikte, von Rost und Flechten zerfressene Teile eines Heizkessels, halb im
Boden vergraben. Vielleicht war das hier eine metallurgische Einrichtung für
den Abbau von Erzen gewesen, wie sie unter der Olwuu auch heute noch zu finden
waren. Sie würde das Gebiet nach dem Sturm eingehender untersuchen. Gut
möglich, dass die eigentliche Anlage unter dem Erdboden verborgen lag und dies
hier nur eine kleine oberirdische Station war, ein Förderturm oder eine
Steinmühle. Wenn Unaa, die Lodoré der Langen Suche, ihr gestriges Opfer von
Blut und Blumen zu schätzen gewusst hatte, würde sie vielleicht nicht bis nach Yerion
reisen müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Ruinen, die in der Olwuu
verborgen lagen, waren noch lange nicht ausreichend erkundet. Sie bargen noch
Erinnerungen von Maschinen. Selbst nach Jahrhunderten des Zerfalls.
Den pulsierenden Blitzen folgte tiefer
Donner, und bereits strichen erste Gespenster aus schwarzer Asche um die
Steine, flüsternd und unruhig, die Vorboten des Dunkelsturms. Eilaa untersuchte
den Heizkessel. Er steckte wie eine umgestürzte Kuppel im weichen Boden, ein
eisernes Zelt. Hinter schmutzigen Vorhängen aus Donnergras verbarg sich eine
Öffnung, die in einen dunklen Bauch führte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit,
bevor die Winde zu stark wurden, damit ein Mensch noch aufrecht stehen konnte.
Doch sie musste vorsichtig bleiben, gespannt doch nicht angespannt, nicht voreilig
und überstürzt, sondern auf die Macht ihres Verstandes und ihrer schlanken
Glieder vertrauend. Mit fliegenden Fingern holte sie eine kleine Lichtkugel aus
ihrer Gürteltasche und fügte sie in die dafür vorgesehene Öffnung seitlich der Gesichtsmaske.
Ein weißes Licht erglühte auf ihrer Stirn wie das dritte Auge eines Maeve,
eines Seelenvogels. Es leuchtete den Heizkessel aus. Nur weitere alte Steine, im
ewigen, blauen Schatten verkümmertes Donnergras und zu einer faserigen Unkenntlichkeit
verrostete Eisentrümmer. Keine Schlangen oder andere Wüstentiere und schon gar
kein Daar. Sie zwängte sich unter die Eisenhaube und verkroch sich in den
hintersten Winkel, wo die Winde sie nicht mehr erreichen konnten. Sie nahm sich
den Umhang von der Brust, faltete ihn auseinander und hüllte sich in das
dichte, mit Wachs versiegelte Gewebe, eingehüllt wie ein kleines Kind in die
Geborgenheit mütterlicher Wärme. Der Dunkelsturm konnte die Temperatur innert
Augenblicken um bis zu zehn Soma fallen lassen.
Sie rezitierte die Liturgie der Caadon,
während die schwarzen Aschewinde um ihren Unterschlupf kreischten wie Harpyien
aus Dunkelheit, kräftige Klauen, die über das Eisen des Heizkessels kratzten,
zogen und zerrten, um die Orome, die es gewagt hatte, sich ihrem Zugriff zu
entziehen, in ihren Mahlstrom zu reißen. Die Liturgie aber hielt sie warm,
umfing sie mit einem schützenden Harnisch aus rhythmischen Silben. Deelum lar‘naan
da Nomoo, inee‘de ma Arum. Worte so alt wie die Kaste der Laan, jahrhundertealt,
und doch wirkte ihre Macht noch immer, gar größer und mächtiger geworden durch
das Gewicht der vielen Jahre. Eilaa versenkte sich in ihren Klang, gab sich
ihrer schützenden Kontur hin, und bald darauf verlor sich das Brüllen des
Sturms in einer bedeutungslosen Ferne.
Als die Winde gingen und die Blitze
erloschen, blieb nur eine drückende Stille zurück. Eilaa wickelte sich aus
ihrem Umhang und tastete sich ans Licht, das bleich und staubig in den
Heizkessel schien. Aschehaufen hatten den Eingang zugekleistert, und sie brach das
Aschesiegel mit dem hölzernen, mit Inuu verzierten Kolben ihres Gewehrs.
Schwarzer Staub flimmerte im neugeborenen Licht. Sie kroch ins Freie. Die Luft
roch intensiv nach Rückständen von Kohle und den fernen Dingen, die der Sturm
aus den fruchtbaren Ländern des Armoone herangetragen hatte. Flockige Asche
bedeckte die Ruinen, schimmernd in den noch zögerlichen Versuchen der Sonne,
sich durch die dunstigen, grauen Wolkenschlieren zu kämpfen. Ansonsten aber war
die Welt dieselbe wie vorher, nur ein wenig kälter und dunkler, aber das würde
sich ändern, sobald die Sonne ihre gewohnte Kraft wieder zurückgewonnen hatte
und die Olwuu wie ein aus der Asche geborgener, schwarzer Diamant erstrahlte.
Eilaa nahm das Gewehr vom Rücken und schaute
sich in den Ruinen um, die Waffe in einer aufmerksamen Haltung, in der Armbeuge
liegend wie ein schlafendes Kind. Sie entdeckte weitere Mauerreste, halb
versunken im Sand, und eine zusammengestürzte Eisenkonstruktion mit einem
weiteren verrosteten Kessel, der sich wie die aufgeplatzte Schale einer
metallenen Frucht aus dem Ascheboden hob. Auf der abgerundeten, spröden Haut
waren Schriftzeichen der Naran zu erkennen, dürre Runen, deren überbordende
Macht schließlich mitverantwortlich gewesen waren für den Untergang des Alten
Reiches. Wie alle Caadon hatte auch Eilaa gelernt, sie zu lesen. Andorf
& Rosenberg Compagnie Crieenland entzifferte sie und wischte mit der
Hand über die in das Eisen geätzten Zeichen, dunkelbraune Schlieren aus Rost, Asche
und feuchten Flechten hinterlassend. Die Ruinen waren also tatsächlich die
Reste einer Mine aus dem Alten Reich. Aus welchem Zeitalter hingegen wusste
Eilaa nicht genau. Obwohl ihr die Bezeichnung Crieenland als alter Name
der weiten Gebiete westlich von Yerion geläufig war, konnte sie diese Compagnie
keiner Herrschaftszeit eines Königs der Naran zuordnen. Sie würde Raaun Weisshand,
den Marad ihrer Himmelsbarke, danach fragen, auch wenn sie nicht wusste, ob er
ihr eine Antwort geben konnte oder wollte. Das Studium und die Interpretation des
Naranduune, die große Schrift über das Alte Reich, war eine verschwiegene,
komplizierte Angelegenheit, die selbst erfahrenen Caadon nur in wohldosierten
Bruchstücken zugänglich gemacht wurde. Sie lernten, was sie wissen mussten, um
die wertvollen Artefakte der Naran von den nutzlosen unterscheiden zu können.
Viel mehr aber gestanden die Priester der Aevad ihnen nicht zu, und Eilaa
ahnte, dass auch Raaun Weisshand sich mit wohlüberlegten, sanften und gerade
deswegen so autoritären Worten auf dieses uralte Prinzip der Teilung von Geist
und Hand berufen würde, sollte sie es für nötig erachten, ihn nach Crieenland
oder einem mit dieser geographischen Bezeichnung verbundenen König zu fragen.
Der Eingang in die Unterwelt der Ruinen war
kaum zu erkennen, doch Eilaa hatte auf ihren Fahrten in die verlorene Welt von Yerion
zu viele verborgene Türen, verschüttete Zugänge und eingestürzte Pforten
gesehen, um die unter einem Gewirr aus Eisenstreben und mit Traumflechten
verhangenen Steintrümmern verdeckte Treppe nicht fast augenblicklich zu sehen.
Es war ein Spalt dichter Schatten, verlockend und drohend zugleich. Eisenstufen
führten in die Dunkelheit hinab. Es könnte dort Geister geben, dachte
Eilaa. Möglicherweise Geister aus Metall und Aev. Lebendes Eisen, gefangen in Träumen
aus langsam pochenden Maschinenherzen und zähfließendem Aev. Ein schlafender
Wächter, der hier draußen in der Wüste den Ruf des Eisenvaters nie gehört
hatte.
Sie schob die Bärte aus Traumflechten mit
dem Gewehrlauf zur Seite und klopfte auf ihre Stirn, um die verbliebene Kraft
der Lichtkugel aus ihrem Schlaf zu wecken. Ein ätherisches, weißes Licht
fächerte sich staubig auf die Eisenstufen, trieb die Schatten in die Tiefe,
hinab in das Erdreich unter der Aschenwüste. Vorsichtig stieg sie nach unten.
Die Stufen knarrten gereizt unter der plötzlichen Belastung. Es mochten
Jahrhunderte vergangen sein, seit sie das letzte Mal das Gewicht von eisenbeschlagenen
Stiefeln getragen hatten.
Die Treppe führte über mehrere Zwischenböden
in ein hohes, steinernes Gewölbe. Ein ehemaliger Zugangsschacht zur
eigentlichen Mine, vermutete Eilaa, und sie fragte sich, wieso sie diesen Ort
auf den Karten der Tama nie gesehen hatte. Auch kein Caadon hatte davon
berichtet, so nahe an der Stadt auf eine Mine der Naran gestoßen zu sein, und
in Eilaa erwachte eine fast kindliche Hoffnung, dass diese Ruinen mehr bargen
als verrostete Eisentrümmer, Steinhaufen und Geister aus Asche und
Traumflechten. Trumé Zweimond, ihr üblicher Adumaa, würde ihr einen guten Preis
machen, sollte sie ihm metallurgische Gerätschaften oder gar mit Electricitaet
betriebene Maschinen anbieten. Sie fühlte sich wie eine der frühen Caadon,
Jahrhunderte zuvor, die nach der Taalondé, dem Anspruch der Erhabenen, damit
begannen, das Alte Reich zu erforschen. Eine Nekropole der Verheißungen.
Sie gelangte zum Ende der Treppe und stand
in einem kaminartigen, fast annähernd quadratischen Raum. Der Lichtkegel ihrer
Maske streifte über kopfgroße, von der Decke gefallene Steintrümmer und weiteren
Eisenschrott, verbogene Geländer und zu braunroten Spinnen verrostete
Maschinenteile, wertlose Zahnräder, Pleuelstangen, Kolben. Es musste einen
weiteren Zugang geben, der tiefer nach unten führte, und sie fand ihn nach
kurzer Suche. Eine gänzlich verschüttete Türe, von endlosen Jahren zu fester
Form verbackene Trümmer, unmöglich weiter nach unten zu kommen. Ihre so
hoffnungsvolle Unternehmung endete schon hier. Sie durchsuchte den Grund des
Zugangsschachts bis in den letzten Winkel, klopfte auf die von Flechten und
grauschwarzem Staub bedeckten Wände, um Öffnungen oder versteckte Hohlräume zu
finden, fand aber nur den Spott eines gespenstischen Echos, das von den Wänden
prallte, den Kamin aufwärts kletternd, auf der Suche nach jener Freiheit, die
das Raunen des Windes am oberen Eingang versprach.
Etwas bewegte sich hinter ihr. Das Geräusch
rieselnden Steins.
Sie wirbelte herum, das Gewehr im Anschlag.
Der staubige Schein der Lichtkugel wanderte über eine von Schatten bevölkerte
Wand hinter der Eisentreppe, die sie erst wenige Augenblicke zuvor
hinabgestiegen war. Vielleicht nur ein troglophiles Tier, das aufgeschreckt vom
plötzlichen Licht sein Nest verließ.
Sie näherte sich dem Geräusch, bückte sich
unter die Eisenstreben der Treppe und begutachtete die Wand, der sie auf ihrem
kurzen Rundgang kaum Beachtung geschenkt hatte.
Auf der porösen Mauer erschien ein Riss, wie
eine trockene Kruste, die unter Druck aufbrach, feine Adern, die ein Netz aus
Kapillaren auf die Wand malten. Kleine Steine und Erdbrocken rieselten zu
Boden, bildeten kleine Kegel, wie irdene Pyramiden aus Sand und Zeit.
Etwas brach hervor, und es war kein blinder
Höhlenmolch, der sich ein neues Zuhause suchte.
Eilaa wich zurück, den Gewehrlauf auf die
Wand gerichtet, der Lichtkegel ihrer Maske eine unheilvolle Beleuchtung der
sich ausbreitenden Risse. Sie stolperte über eine Eisenstrebe, fiel beinahe
hin, konnte das Gleichgewicht aber halten und stieß mit der Ferse an die erste Treppenstufe.
Was auch immer da erwachte, es musste groß
sein und schwer.
Lass es kein Voor sein, gnädige
Königinmutter, flehte Eilaa und stieg die Treppe hinauf, während sie
gleichzeitig die Wand unter ihr beobachtete, aus der immer größere Steine und
von Flechten verklebte Erdbrocken fielen, als versuche eine unsichtbare, im
Felsen gefangene Kraft in die Welt hinaus geboren zu werden.
Als sie in das trübe, von letzten
Aschenebeln verschleierte Tageslicht hinaustrat, brach die Wand mit einem
ohrenbetäubenden Getöse zusammen, und gleich darauf hörte Eilaa das hässliche Schaben
von Metall auf Stein.
Eine Maschine. Große Candra stehe mir
bei. Geist und Hand.
Ein Daar, vielleicht gar ein Voor. Nun wurde
ihre Suche zu einem Kampf. Sie konnte sich hier nirgends verstecken, und die
weite, offene Aschewüste verunmöglichte eine Flucht. Ihr blieb nur ein
wohlüberlegter Angriff und die Hoffnung, dass der Daar nach langem Schlaf nicht
über seine vollständigen Kräfte verfügte.
Eisen schlug auf Eisen. Ein metallisches
Echo. Der Daar hatte die Treppe erreicht. Seine Schritte waren schleppend und
langsam, hallende Glockenschläge in der Dunkelheit. Vielleicht hatte sie eine
Chance. Nur eine. Aber immerhin.
Sie rannte in die Wüste hinaus, schwarze
Aschewolken unter ihren Stiefeln, und positionierte sich hinter einem schräg in
den Boden ragenden Trümmerstein, die Reste eines Torbogens. Der Eingang zum
Treppenschacht war von hier aus gut einzusehen, und wenn ihr erster Schuss
misslang, hatte sie über diese Distanz noch die Zeit, einen zweiten zu
versuchen.
Der aber würde treffen müssen.
Würde töten müssen.
Sie kniete sich an den Stein und legte das
Gewehr an, den linken Ellenbogen auf den schräg abgeflachten Stein gestützt, um
den Schaft so ruhig wie möglich zu halten. Das halb im hölzernen Schaft
versenkte Magazin des Repetiergewehrs fasste sechs Patronen, die Messinghülsen
mit stärkenden, spinnbeindünnen Inuu versehen. Auch das Gewehr selbst trug
mehrere Inuu, unter Aufsicht eines Marad in das harte, dunkle Holz von Schaft
und Kolben geschnitzt, und auch Lauf und Verschluss zeigten mit eisenätzender
Farbe eingefügte Zeichen, die Hand, Auge und Verstand leiteten, eine Zielhilfe
der Geister.
Eilaa stellte die Optik der Maske auf
Vergrößerung, klappte das Gewehrvisier hoch und suchte die Verbindung von Kimme
und Korn. Ihr Atem ging ruhig, hob und senkte sich wie das Seitensegel einer
Himmelsbarke im Wind. Sie sprach die Liturgie der Zuversicht. Was kommen
musste, würde kommen. Sie war nur hier, um den Platz einzunehmen, den Mawé ihr
zugewiesen hatte.
Die Schatten im Schachteingang bewegten
sich, wurden zur Seite geschoben wie ein alter, vergilbter Vorhang. Eine gedrungene
Gestalt trat in das knochenweiße Wüstenlicht hervor. Das müde Sonnenlicht
spiegelte sich in einer von Steinstaub und Erde verschmierten Metallhaut.
Stumpfes, gebrochenes Eisen, das vor Jahrhunderten in den Manufakturen der
Naran geschmiedet worden war. Erschaffen, um den Herrschern des Alten Reiches
zu dienen, schließlich aber dazu bestimmt, ihr Reich zu vernichten. Soldaten,
die nie müde wurden, keine Angst verspürten und nicht zögerten.
Eisen und Aev. Die verhängnisvolle,
vermessene Verbindung, die Yerion den Untergang gebracht hatte.
Der Voor schaute sich um. Er suchte nach
ihr. Sein schlanker Kopf schwenkte herum. Seine Bewegungen wirkten fahrig und
unbeholfen, als müsse er sich erst an die Stabilität seiner eigenen Glieder
gewöhnen, und wahrscheinlich kam das der Wahrheit sehr nahe. Eilaa wusste
nicht, wie lange der Daar diesen vergessenen Ort bewacht hatte, aber es konnten
Jahrhunderte sein. Äonen. Vielleicht hatte man ihn schon vor dem
Ruudarune, dem Krieg der Naran gegen die Daar, in diese Wand gesetzt. Ein ruhender
Wächter, der in seinem steinernen Versteck nie die befreiende Stimme des
Eisenvaters vernommen hatte und nun dem Protokoll folgte, das seine Erbauer ihm
in den Kopf gesetzt hatten wie eine mechanische Inada, eine Schriftrolle aus
hauchdünn gewalztem Stahlblech, umwoben von Aev und dem Versprechen ewigen,
maschinellen Lebens.
Die im bronzenen Metall wie dunkle Löcher
wirkenden Augen des Voor glitten über die Steintrümmer, drangen in Winkel und
Schatten. Lidlose Pupillen mit Sehnerven aus flimmerndem Aev. Selbst nach
Jahrhunderten war das Harz des Mutterbaums noch lebendig und bereit, jenen
Dingen Leben zu verleihen, die kein eigenes Leben besaßen.
Wenige Augenblicke später sah der Voor sie.
Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem eisernen Schädel, als der darunter
verborgene, erwachende Cortex ihre Anwesenheit untersuchte, ihre Berechtigung.
Dann sprach er in der Altsprache, und obwohl
Eilaa die verlorene Sprache der Naran erlernt hatte, fiel es ihr schwer, seinen
schleppenden, müden Worten zu folgen.
Diese Einrichtung untersteht der ARC
Crieenland nach §48 der Verordnung Einschränkungen für Industrieanlagen des
Bureaus für Metallurgie und Montanwirtschaft, Jahrgang 1881. Unbefugten ist der
Zutritt untersagt. Bitte weisen Sie sich unverzüglich aus!
Seine träge Stimme klang, als reibe man
rostiges Eisen aneinander, unterlegt von einem seltsamen, feuchten Gurgeln. Das
Lied des Aev, das nach Jahrhunderten der klebrigen Starre erneut eine flüssige
Konsistenz annahm und in die verworrenen Labyrinthe eiserner Poren vordrang.
Eilaa erfasste das unsichtbare dritte Auge
des Voor, zog den Abzug bis zu diesem feinen, fast unmerklichen Widerstand, der
die Grenze zwischen Leben und Tod bedeutete, ein schwarzer Rubikon. Sie atmete
aus und schoss.
Ein weißer Knall zerriss die Ruhe. Irgendwo
stieb ein Wüstenvogel in den bleichen Himmel auf. Der Schuss war perfekt
platziert. Der richtige Winkel, die richtige Distanz. Der Voor torkelte
rückwärts, ein schwarzes Loch in der Stirn. Blauer Dampf drang daraus hervor
wie schwebendes Blut. In der seltsamen Nachahmung einer menschlichen Geste
fasste er sich an die Stirn. Blaue Schlieren verklebten seine Metallfinger. Verwundert
betrachtete er seine Hand, öffnete und schloss die Finger, die klebrige Fäden
zogen.
Eilaa zog den Unterhebel und warf die
Messingpatrone aus. Die rauchende Hülse zeichnete funkelnde Wirbel in das Wüstenlicht
und fiel dann zu Boden. Das klackende Geräusch des Ladehebels war in dieser
staubigen Stille so laut wie ein Donnerschlag in der Nacht.
Der Voor blickte auf.
Seine Synapsen klickten und knisterten.
Dann griff er an.
Er zog ein Schwert aus Schattenstahl.
Schwarzer Rauch, der lebte. Mit einem harten Wort in der Altsprache verlieh er
der Klinge dunkle Festigkeit und Form. Ein Schimmer aus Aev wellte sich über
die verdichtete Materie, die nun aussah wie dunkles Eis. Nur die mit Suulblut
und Aev gehärtete Klinge eines Koona konnte diese gefürchtete Waffe der Daar parieren.
Während der Voor in einen schnellen Lauf
überging, die wie flüssiger Schatten flimmernde Klinge schräg nach unten
haltend, legte Eilaa erneut an und legte das von bläulichen Rauchfingern
umwobene Loch in der Stirn des Daar in die Verlängerung des Visiers.
Hand und Geist. Geist und Hand.
Ein letzter Versuch, und – Unaa, leite
meine Hand! – er musste gelingen. Eine zweite Kugel exakt in die schon
vorhandene Eintrittswunde gesetzt. Ein implodierender Feuersturm im
empfindlichen Cortex des Maschinenkriegers. Die Kunst des Timaude, wie
nur die Caadon sie erlernten. Doppeltes Sterben. Diese in tausenden
Stunden eingeübte Technik war imstande, einen heranstürmenden Voor auf kurze
Distanz zu stoppen.
Scheiterte sie, war ihr Schicksal besiegelt,
und ein Maeve würde ihre vom Körper gelöste Seele ins Dalacandra tragen, wo sie
im Schatten des Mutterbaumes auf die Heimreise ins Olioné wartete.
Der Voor stürmte heran. Aschestaub und kleine
Steine wirbelten um seine schweren Schritte. Ein hohes Singen begleitete seinen
Angriff. Der Schattenstahl, der die Luft zerschnitt. Er hob seinen Kopf wie ein
hungriger Wolf, als wittere er den fremden, aufregenden Geruch seiner Feindin.
Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem Metallschädel. Feine Kalibrierungen
des Kampfes, Justierungen von Distanz, Geschwindigkeit, Kraft. Mechanismen der
Naran, erdacht vor Äonen, um die Welt zu verstehen, zu beherrschen, sie
schlussendlich zu zerstören.
Eilaa atmete aus und schoss.
Sie traf.
Timaude.
Der Kopf des Voor implodierte in einer Wolke
aus blauem Blut, Metallsplittern und wie tote Würmer umherwirbelnden
Nervensträngen. Eine Wirbelsäule aus einer knochenähnlichen Substanz kam zum
Vorschein, ein bleicher Stumpf, der aus einem bronzenen Torso ragte wie ein gesplitterter
Baum. Der Voor sackte zusammen, ging aber noch wenige Schritte, als weigere er
sich, den Verlust seines Kopfes anzuerkennen. Die Klinge aus Schattenstahl
erlosch, als sich die Befehlsgewalt des Daar zusammen mit den Splittern seines Cortex
auf dem Wüstenboden verteilte. Die Hand hielt nur noch einen metallenen Griff,
auf dem die Insignien seiner Schöpfer prangten. Nun sinnlose Zeichen, der
Lächerlichkeit preisgegeben.
Ein letzter Schritt, das Torkeln eines Betrunkenen,
der ahnte, dass er es nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würde, bevor
seine Kräfte ihn verließen, dann fiel der Voor der Länge nach hin. Seine
schweren, metallischen Glieder folgten der Gravitation, die auch die Naran nie
überlistet hatten, und der Maschinenkrieger verschwand kurzzeitig in einer
Wolke aus dunklem Aschestaub und blauen Dämpfen.
Eilaa zog den Ladehebel durch. Die
Patronenhülse wirbelte und tanzte. Ein triumphierendes Glitzern im fahlen
Licht. Erst als die Staubwolke sich gelegt hatte, nahm Eilaa das Gewehr von der
Schulter und erhob sich aus ihrem provisorischen Gefechtsstand hinter den
Steintrümmern.
Sie hatte einen Voor im offenen Gelände erlegt.
Er hat lange geschlafen, Herzseherin,
andernfalls wäre die Sache anders ausgegangen.
Eilaa drängte diesen beunruhigenden Gedanken
beiseite und näherte sich dem eisernen Kadaver, der im Staub lag wie ein von
einem Riesen liegengelassene Puppe. Blauer Dampf stieg immer noch aus seinem
Rumpf, unterlegt vom Gestank verbrannten Horns, heißen Metalls und einer
süßlichen, eigentümlich verführerischen Note. Der Geruch von Aev.
Eine Weile betrachtete sie den leblosen
Körper. Im von Staub überzuckerten Metalltorso klickten die verzweifelten
Versuche unterbrochener Relais, die Energieströme wieder in Fluss zu bringen,
das Aev durch die Adern aus Fibril zu leiten, um den Daar aus seiner Ruhe zu
erwecken und ihn der AMC Crieenland weiter dienen zu lassen, sein
einziger Daseinszweck.
Aus diesem Schlaf aber würde es kein
Erwachen mehr geben. Eilaa schob das Repetiergewehr auf den Rücken und kauerte
sich hin. Sie griff nach ihrem Messer, das in einer Scheide aus poliertem
Eisenholz am Gürtel hing, und tastete mit der Hand nach der richtigen Stelle am
Torso des Voor. Der gebogene Brustkorb war noch warm. Selbst durch die
Handschuhe spürte sie die versiegende Kraft des Aev unter dem Metall. Unterhalb
der linken Achsel, verborgen unter einer Schicht aus weichem Fibril, fand sie,
wonach sie suchte: der Zylinder für die Öffnung des Herzraumes. Sie kratzte die
weiche, elastische Masse mit der Messerspitze weg und begutachtete den
Zylinder. Er war unversehrt, ein glänzendes Schloss, seit Fertigstellung in den
Manufakturen der Naran ungeöffnet. Wahrscheinlich hatte man diesen Daar gleich
nach seiner Geburt in diese Minenanlage beordert und in Stasis versetzt. Die
wenigen Minuten, die vergangen waren, seit Eilaa ihn geweckt hatte, waren
möglicherweise seine gesamte Lebenszeit gewesen, die er bei wachem Bewusstsein
verbracht hatte.
Sie hatte ein Maschinenkind getötet.
Wie traurig, grinste Eilaa und schob
die Messerspitze in den feinen Spalt, der den Zylinder in zwei identische
Hälften trennte. Sie suchte nach jener entscheidenden Stelle, die den Torso
aufschloss, so wie die Naran-Gelehrten der Tama-Kaste es den angehenden Caadon
auch heute noch an einem einzig zu Lehrzwecken erbeuteten Daar zeigten. Ein
feines Klicken ertönte, als die Stahlspitze des Messers den in eisernen
Eingeweiden versteckten Mechanismus in Bewegung setzte.
Sie löste die fingerdicke ovale Platte vom
Brustbein des Voor. Fibrilfäden klebten daran. Darunter lag das Blauherz des
Maschinenkriegers, die Aev-Quelle, die totem Eisen organisches Leben schenkte.
Fünf mal Drei-Domo zahlte ein Adumaa für ein Blauherz, und dieses hier war
unbeschädigt und zudem beinahe unverbraucht. Selbst in einer jahrhundertelangen
Stasis hatte es den schlafenden Organismus des Voor kaum mit Energie versorgen
müssen. Wenn sie den Verkauf mit dem nötigen Geschick anging, würde Trumé Zweimond
vielleicht gar fünf Mal Vier-Domo in die mit goldenen Inuu von Glück und
Wohlstand verzierte Eisenholzschale legen.
Morgen würde sie Raaun Weisshand für das Malen
eines kaligraphischen Inuu bezahlen, das ihre Tat beschrieb, und sich dann die
bunten Nervenstränge des Voor in den Gewehrlauf einflechten lassen, so wie es
alle Caadon taten, die einen Voor getötet hatten.
Später würde man ihre Geschichte an den
Herdfeuern erzählen.
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