Zweimal gestorben

 

Eilaa Herzseherin spürte den Sturm kommen. Ein leichter Druck hinter der Stirn, die Berührung einer weissagenden Hand, nicht mehr als eine Ahnung. Obwohl der Himmel klar und blassblau über ihr lag wie eine ruhige Wasserfläche, nur gesprenkelt von faserigen Wolkengeistern, wusste sie, dass sie Schutz suchen musste, bevor der Wind plötzlich wechselte und brüllende Chimären aus flirrenden Aschepartikeln aus dem weichen Boden erweckte. Hatte sie dann keinen Unterschlupf, würde sie vielleicht nie mehr einen brauchen. Sie hatte nur von wenigen Caadon gehört, die einen Dunkelsturm im offenen Gelände überlebt hatten. Man sagte, Damoo Zweifinder sei es gelungen und Iruu Eisenauge habe im Sturm sogar gegen einen Daar gekämpft, doch solche Geschichten wurden größer und kühner je mehr man sie herumreichte, und irgendwann brachen sie sich wie Wellen an einem steinigen Ufer und erstarben, oder aber die Marad zeigten sich interessiert und hielten sie auf einer Inada fest, um sie fortan gegen ein kleines Tempelopfer an den Herdfeuern der Kasten vorzutragen.

    Eilaa ging ostwärts auf Yerion zu, dessen Konturen am Horizont als schwarzblaue Schatten zu erkennen waren, nur ein paar Wegstunden entfernt. Trockener Aschesand wirbelte um ihre kniehohen Stiefel und schmirgelte das geölte Leder ab. Sie trug ihren mehrfach gefalteten Umhang aus braunroter Yookwolle schräg über Brust und Rücken gespannt, das Gewehr darunter dicht an der Wirbelsäule, geschützt vor der feinen Asche, die sich in jeder noch so kleinen Spalte niederließ, schwarze Schlieren in Falten zeichnete, wo kein Stoff, Leder oder Holz die Haut bedeckte. Die Rundgläser, die in ihre aus poliertem Aamholz geschnitzte Gesichtsmaske eingelassen waren, trugen einen wasserdünnen Lack, eine Versiegelung, die verhinderte, dass die Asche sich auf das geschliffene Glas setzte und ihr irgendwann die Sicht nahm. Die skalierbare Optik der Brille war ebenso überlebenswichtig wie die harte, mechanische Funktionalität ihres Repetiergewehrs. Sie hatte die Gläser auf eine mittlere Fernsicht eingestellt und studierte die unregelmäßigen Erhebungen und vom konstanten Wind abgeschliffenen Dünen, die sich wie Wellen aus dem dunklen Sand hoben.

    Rund eine halbe Meile entfernt konnte sie eine verschachtelte Felsformation ausmachen, ineinander gestürzte, schlanke Steine, vielleicht eine Ruine der Naran, die so weit draußen in der Wüste immer noch häufig zu finden waren, auf keiner Karte der Tama festgehalten, freigelegt von ruhelosen Windfingern. Solche Orte aber waren nicht selten bewohnt. Ruheplätze von versprengten Daar, die nicht mehr zu ihrem Klan zurückfanden, verdammt zu einem langen Schlaf, der irgendwann nach ungezählten Jahren in eine rostige Stasis überging, was wohl dem natürlichen Tod eines Daar entsprach.

    Aber Eilaa hatte kaum eine Wahl. Die Felsen waren in der optischen Reichweite ihrer Brille der einzige Hinweis auf einen vielversprechenden Unterschlupf. Sie konnte es wagen weiterzugehen und vielleicht doch noch eine Ansammlung versteinerten Totholzes oder eine geschützte Felskuhle zu finden, doch es war ein Wagnis, das sie das Leben kosten konnte, und eine Caadon wurde nicht ausgeschickt, um die Reise nach Olioné herauszufordern. Sie war ihrer Kaste verpflichtet und der Suche, die diese Verpflichtung zur Folge hatte.

    Sie skalierte die Brille auf weite Fernsicht und studiert die Felsen eingehender. Es waren zweifellos Mauerreste. Verwitterter, grauschwarzer Stein, abgeschliffen von Wind und Wetter, bedeckt von öligen, böse Träume und später den Tod bringenden Traumflechten. Außer dem Donnergras, das im Schatten der Steine wucherte, bewegte sich nichts. Die langen, schlanken Halme strichen wie Insektenbeine über die vernarbten Felsen. Kein lebendes Metall fing das bleiche Wüstenlicht ein. Wenn es dort Daar gab, dann schliefen sie oder waren längst nur noch bis zur Unkenntlichkeit verrostete Hüllen ohne Erinnerung und Ansehen.

    Eilaa reduzierte die Vergrößerung und ging los. Der Wind hatte bereits zugenommen. Es war keine intuitive Ahnung mehr, kein Flüstern im Nacken. Nun war es sichtbar. Die körnige Asche, aus der die Olwuu bestand, wirbelte in kleinen Zyklonen auf, die Augenblicke später bereits wieder zerfielen, doch bald schon würden sie groß und kräftiger werden und schließlich die Größe einer Himmelsbarke angenommen haben. Schwarze Riesen aus Wind und Asche, die alles hinwegfegten, was sich ihrem wirbelnden Totentanz nicht anschließen konnte.

    Als der Himmel sich zu verdunkeln begann wie trübe gewordenes Wasser, beschleunigte sie ihre Schritte, bis sie schließlich rannte. Asche und kleine Steine spritzten unter ihren Stiefeln auf. Der Wind hatte sich bereits gedreht und schob schmutzige Wolkenschlieren über den Himmel. Sie fokussierte sich auf die Felsen, die allmählich auch ohne die Hilfe optischer Vergrößerung an Kontur gewannen. Ihr Atem ging schnell aber regelmäßig. Sie lauschte ihm wie einem vertrauten Lied und spürte, wie eine kühle Ruhe sie umfing. Die Geister des schnellen Laufes. Eine Übung, die sie schon früh zu meistern gelernt hatte wie jede Caadon, die gewillt war, ihre Suche zu überleben.

    Sie erreichte die Felsen, als erste Blitze den Horizont zerrissen, weißglühende Adergeflechte, eine Drohung aus Licht und Hitze. Es war zweifellos eine Ruine der Naran. Alte Mauern, ein halber Torbogen, die runden Wirbel eines umgestürzten Schlotes, daneben auch eiserne Relikte, von Rost und Flechten zerfressene Teile eines Heizkessels, halb im Boden vergraben. Vielleicht war das hier eine metallurgische Einrichtung für den Abbau von Erzen gewesen, wie sie unter der Olwuu auch heute noch zu finden waren. Sie würde das Gebiet nach dem Sturm eingehender untersuchen. Gut möglich, dass die eigentliche Anlage unter dem Erdboden verborgen lag und dies hier nur eine kleine oberirdische Station war, ein Förderturm oder eine Steinmühle. Wenn Unaa, die Lodoré der Langen Suche, ihr gestriges Opfer von Blut und Blumen zu schätzen gewusst hatte, würde sie vielleicht nicht bis nach Yerion reisen müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Ruinen, die in der Olwuu verborgen lagen, waren noch lange nicht ausreichend erkundet. Sie bargen noch Erinnerungen von Maschinen. Selbst nach Jahrhunderten des Zerfalls.

    Den pulsierenden Blitzen folgte tiefer Donner, und bereits strichen erste Gespenster aus schwarzer Asche um die Steine, flüsternd und unruhig, die Vorboten des Dunkelsturms. Eilaa untersuchte den Heizkessel. Er steckte wie eine umgestürzte Kuppel im weichen Boden, ein eisernes Zelt. Hinter schmutzigen Vorhängen aus Donnergras verbarg sich eine Öffnung, die in einen dunklen Bauch führte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, bevor die Winde zu stark wurden, damit ein Mensch noch aufrecht stehen konnte. Doch sie musste vorsichtig bleiben, gespannt doch nicht angespannt, nicht voreilig und überstürzt, sondern auf die Macht ihres Verstandes und ihrer schlanken Glieder vertrauend. Mit fliegenden Fingern holte sie eine kleine Lichtkugel aus ihrer Gürteltasche und fügte sie in die dafür vorgesehene Öffnung seitlich der Gesichtsmaske. Ein weißes Licht erglühte auf ihrer Stirn wie das dritte Auge eines Maeve, eines Seelenvogels. Es leuchtete den Heizkessel aus. Nur weitere alte Steine, im ewigen, blauen Schatten verkümmertes Donnergras und zu einer faserigen Unkenntlichkeit verrostete Eisentrümmer. Keine Schlangen oder andere Wüstentiere und schon gar kein Daar. Sie zwängte sich unter die Eisenhaube und verkroch sich in den hintersten Winkel, wo die Winde sie nicht mehr erreichen konnten. Sie nahm sich den Umhang von der Brust, faltete ihn auseinander und hüllte sich in das dichte, mit Wachs versiegelte Gewebe, eingehüllt wie ein kleines Kind in die Geborgenheit mütterlicher Wärme. Der Dunkelsturm konnte die Temperatur innert Augenblicken um bis zu zehn Soma fallen lassen.

    Sie rezitierte die Liturgie der Caadon, während die schwarzen Aschewinde um ihren Unterschlupf kreischten wie Harpyien aus Dunkelheit, kräftige Klauen, die über das Eisen des Heizkessels kratzten, zogen und zerrten, um die Orome, die es gewagt hatte, sich ihrem Zugriff zu entziehen, in ihren Mahlstrom zu reißen. Die Liturgie aber hielt sie warm, umfing sie mit einem schützenden Harnisch aus rhythmischen Silben. Deelum lar‘naan da Nomoo, inee‘de ma Arum. Worte so alt wie die Kaste der Laan, jahrhundertealt, und doch wirkte ihre Macht noch immer, gar größer und mächtiger geworden durch das Gewicht der vielen Jahre. Eilaa versenkte sich in ihren Klang, gab sich ihrer schützenden Kontur hin, und bald darauf verlor sich das Brüllen des Sturms in einer bedeutungslosen Ferne.

    Als die Winde gingen und die Blitze erloschen, blieb nur eine drückende Stille zurück. Eilaa wickelte sich aus ihrem Umhang und tastete sich ans Licht, das bleich und staubig in den Heizkessel schien. Aschehaufen hatten den Eingang zugekleistert, und sie brach das Aschesiegel mit dem hölzernen, mit Inuu verzierten Kolben ihres Gewehrs. Schwarzer Staub flimmerte im neugeborenen Licht. Sie kroch ins Freie. Die Luft roch intensiv nach Rückständen von Kohle und den fernen Dingen, die der Sturm aus den fruchtbaren Ländern des Armoone herangetragen hatte. Flockige Asche bedeckte die Ruinen, schimmernd in den noch zögerlichen Versuchen der Sonne, sich durch die dunstigen, grauen Wolkenschlieren zu kämpfen. Ansonsten aber war die Welt dieselbe wie vorher, nur ein wenig kälter und dunkler, aber das würde sich ändern, sobald die Sonne ihre gewohnte Kraft wieder zurückgewonnen hatte und die Olwuu wie ein aus der Asche geborgener, schwarzer Diamant erstrahlte.

    Eilaa nahm das Gewehr vom Rücken und schaute sich in den Ruinen um, die Waffe in einer aufmerksamen Haltung, in der Armbeuge liegend wie ein schlafendes Kind. Sie entdeckte weitere Mauerreste, halb versunken im Sand, und eine zusammengestürzte Eisenkonstruktion mit einem weiteren verrosteten Kessel, der sich wie die aufgeplatzte Schale einer metallenen Frucht aus dem Ascheboden hob. Auf der abgerundeten, spröden Haut waren Schriftzeichen der Naran zu erkennen, dürre Runen, deren überbordende Macht schließlich mitverantwortlich gewesen waren für den Untergang des Alten Reiches. Wie alle Caadon hatte auch Eilaa gelernt, sie zu lesen. Andorf & Rosenberg Compagnie Crieenland entzifferte sie und wischte mit der Hand über die in das Eisen geätzten Zeichen, dunkelbraune Schlieren aus Rost, Asche und feuchten Flechten hinterlassend. Die Ruinen waren also tatsächlich die Reste einer Mine aus dem Alten Reich. Aus welchem Zeitalter hingegen wusste Eilaa nicht genau. Obwohl ihr die Bezeichnung Crieenland als alter Name der weiten Gebiete westlich von Yerion geläufig war, konnte sie diese Compagnie keiner Herrschaftszeit eines Königs der Naran zuordnen. Sie würde Raaun Weisshand, den Marad ihrer Himmelsbarke, danach fragen, auch wenn sie nicht wusste, ob er ihr eine Antwort geben konnte oder wollte. Das Studium und die Interpretation des Naranduune, die große Schrift über das Alte Reich, war eine verschwiegene, komplizierte Angelegenheit, die selbst erfahrenen Caadon nur in wohldosierten Bruchstücken zugänglich gemacht wurde. Sie lernten, was sie wissen mussten, um die wertvollen Artefakte der Naran von den nutzlosen unterscheiden zu können. Viel mehr aber gestanden die Priester der Aevad ihnen nicht zu, und Eilaa ahnte, dass auch Raaun Weisshand sich mit wohlüberlegten, sanften und gerade deswegen so autoritären Worten auf dieses uralte Prinzip der Teilung von Geist und Hand berufen würde, sollte sie es für nötig erachten, ihn nach Crieenland oder einem mit dieser geographischen Bezeichnung verbundenen König zu fragen.

    Der Eingang in die Unterwelt der Ruinen war kaum zu erkennen, doch Eilaa hatte auf ihren Fahrten in die verlorene Welt von Yerion zu viele verborgene Türen, verschüttete Zugänge und eingestürzte Pforten gesehen, um die unter einem Gewirr aus Eisenstreben und mit Traumflechten verhangenen Steintrümmern verdeckte Treppe nicht fast augenblicklich zu sehen. Es war ein Spalt dichter Schatten, verlockend und drohend zugleich. Eisenstufen führten in die Dunkelheit hinab. Es könnte dort Geister geben, dachte Eilaa. Möglicherweise Geister aus Metall und Aev. Lebendes Eisen, gefangen in Träumen aus langsam pochenden Maschinenherzen und zähfließendem Aev. Ein schlafender Wächter, der hier draußen in der Wüste den Ruf des Eisenvaters nie gehört hatte.

    Sie schob die Bärte aus Traumflechten mit dem Gewehrlauf zur Seite und klopfte auf ihre Stirn, um die verbliebene Kraft der Lichtkugel aus ihrem Schlaf zu wecken. Ein ätherisches, weißes Licht fächerte sich staubig auf die Eisenstufen, trieb die Schatten in die Tiefe, hinab in das Erdreich unter der Aschenwüste. Vorsichtig stieg sie nach unten. Die Stufen knarrten gereizt unter der plötzlichen Belastung. Es mochten Jahrhunderte vergangen sein, seit sie das letzte Mal das Gewicht von eisenbeschlagenen Stiefeln getragen hatten.

    Die Treppe führte über mehrere Zwischenböden in ein hohes, steinernes Gewölbe. Ein ehemaliger Zugangsschacht zur eigentlichen Mine, vermutete Eilaa, und sie fragte sich, wieso sie diesen Ort auf den Karten der Tama nie gesehen hatte. Auch kein Caadon hatte davon berichtet, so nahe an der Stadt auf eine Mine der Naran gestoßen zu sein, und in Eilaa erwachte eine fast kindliche Hoffnung, dass diese Ruinen mehr bargen als verrostete Eisentrümmer, Steinhaufen und Geister aus Asche und Traumflechten. Trumé Zweimond, ihr üblicher Adumaa, würde ihr einen guten Preis machen, sollte sie ihm metallurgische Gerätschaften oder gar mit Electricitaet betriebene Maschinen anbieten. Sie fühlte sich wie eine der frühen Caadon, Jahrhunderte zuvor, die nach der Taalondé, dem Anspruch der Erhabenen, damit begannen, das Alte Reich zu erforschen. Eine Nekropole der Verheißungen.

    Sie gelangte zum Ende der Treppe und stand in einem kaminartigen, fast annähernd quadratischen Raum. Der Lichtkegel ihrer Maske streifte über kopfgroße, von der Decke gefallene Steintrümmer und weiteren Eisenschrott, verbogene Geländer und zu braunroten Spinnen verrostete Maschinenteile, wertlose Zahnräder, Pleuelstangen, Kolben. Es musste einen weiteren Zugang geben, der tiefer nach unten führte, und sie fand ihn nach kurzer Suche. Eine gänzlich verschüttete Türe, von endlosen Jahren zu fester Form verbackene Trümmer, unmöglich weiter nach unten zu kommen. Ihre so hoffnungsvolle Unternehmung endete schon hier. Sie durchsuchte den Grund des Zugangsschachts bis in den letzten Winkel, klopfte auf die von Flechten und grauschwarzem Staub bedeckten Wände, um Öffnungen oder versteckte Hohlräume zu finden, fand aber nur den Spott eines gespenstischen Echos, das von den Wänden prallte, den Kamin aufwärts kletternd, auf der Suche nach jener Freiheit, die das Raunen des Windes am oberen Eingang versprach.

    Etwas bewegte sich hinter ihr. Das Geräusch rieselnden Steins.

    Sie wirbelte herum, das Gewehr im Anschlag. Der staubige Schein der Lichtkugel wanderte über eine von Schatten bevölkerte Wand hinter der Eisentreppe, die sie erst wenige Augenblicke zuvor hinabgestiegen war. Vielleicht nur ein troglophiles Tier, das aufgeschreckt vom plötzlichen Licht sein Nest verließ.

    Sie näherte sich dem Geräusch, bückte sich unter die Eisenstreben der Treppe und begutachtete die Wand, der sie auf ihrem kurzen Rundgang kaum Beachtung geschenkt hatte.

    Auf der porösen Mauer erschien ein Riss, wie eine trockene Kruste, die unter Druck aufbrach, feine Adern, die ein Netz aus Kapillaren auf die Wand malten. Kleine Steine und Erdbrocken rieselten zu Boden, bildeten kleine Kegel, wie irdene Pyramiden aus Sand und Zeit.

    Etwas brach hervor, und es war kein blinder Höhlenmolch, der sich ein neues Zuhause suchte.

    Eilaa wich zurück, den Gewehrlauf auf die Wand gerichtet, der Lichtkegel ihrer Maske eine unheilvolle Beleuchtung der sich ausbreitenden Risse. Sie stolperte über eine Eisenstrebe, fiel beinahe hin, konnte das Gleichgewicht aber halten und stieß mit der Ferse an die erste Treppenstufe.

    Was auch immer da erwachte, es musste groß sein und schwer.

    Lass es kein Voor sein, gnädige Königinmutter, flehte Eilaa und stieg die Treppe hinauf, während sie gleichzeitig die Wand unter ihr beobachtete, aus der immer größere Steine und von Flechten verklebte Erdbrocken fielen, als versuche eine unsichtbare, im Felsen gefangene Kraft in die Welt hinaus geboren zu werden.

    Als sie in das trübe, von letzten Aschenebeln verschleierte Tageslicht hinaustrat, brach die Wand mit einem ohrenbetäubenden Getöse zusammen, und gleich darauf hörte Eilaa das hässliche Schaben von Metall auf Stein.

    Eine Maschine. Große Candra stehe mir bei. Geist und Hand.

    Ein Daar, vielleicht gar ein Voor. Nun wurde ihre Suche zu einem Kampf. Sie konnte sich hier nirgends verstecken, und die weite, offene Aschewüste verunmöglichte eine Flucht. Ihr blieb nur ein wohlüberlegter Angriff und die Hoffnung, dass der Daar nach langem Schlaf nicht über seine vollständigen Kräfte verfügte.

    Eisen schlug auf Eisen. Ein metallisches Echo. Der Daar hatte die Treppe erreicht. Seine Schritte waren schleppend und langsam, hallende Glockenschläge in der Dunkelheit. Vielleicht hatte sie eine Chance. Nur eine. Aber immerhin.

    Sie rannte in die Wüste hinaus, schwarze Aschewolken unter ihren Stiefeln, und positionierte sich hinter einem schräg in den Boden ragenden Trümmerstein, die Reste eines Torbogens. Der Eingang zum Treppenschacht war von hier aus gut einzusehen, und wenn ihr erster Schuss misslang, hatte sie über diese Distanz noch die Zeit, einen zweiten zu versuchen.

    Der aber würde treffen müssen.

    Würde töten müssen.

    Sie kniete sich an den Stein und legte das Gewehr an, den linken Ellenbogen auf den schräg abgeflachten Stein gestützt, um den Schaft so ruhig wie möglich zu halten. Das halb im hölzernen Schaft versenkte Magazin des Repetiergewehrs fasste sechs Patronen, die Messinghülsen mit stärkenden, spinnbeindünnen Inuu versehen. Auch das Gewehr selbst trug mehrere Inuu, unter Aufsicht eines Marad in das harte, dunkle Holz von Schaft und Kolben geschnitzt, und auch Lauf und Verschluss zeigten mit eisenätzender Farbe eingefügte Zeichen, die Hand, Auge und Verstand leiteten, eine Zielhilfe der Geister.

    Eilaa stellte die Optik der Maske auf Vergrößerung, klappte das Gewehrvisier hoch und suchte die Verbindung von Kimme und Korn. Ihr Atem ging ruhig, hob und senkte sich wie das Seitensegel einer Himmelsbarke im Wind. Sie sprach die Liturgie der Zuversicht. Was kommen musste, würde kommen. Sie war nur hier, um den Platz einzunehmen, den Mawé ihr zugewiesen hatte.

    Die Schatten im Schachteingang bewegten sich, wurden zur Seite geschoben wie ein alter, vergilbter Vorhang. Eine gedrungene Gestalt trat in das knochenweiße Wüstenlicht hervor. Das müde Sonnenlicht spiegelte sich in einer von Steinstaub und Erde verschmierten Metallhaut. Stumpfes, gebrochenes Eisen, das vor Jahrhunderten in den Manufakturen der Naran geschmiedet worden war. Erschaffen, um den Herrschern des Alten Reiches zu dienen, schließlich aber dazu bestimmt, ihr Reich zu vernichten. Soldaten, die nie müde wurden, keine Angst verspürten und nicht zögerten.

    Eisen und Aev. Die verhängnisvolle, vermessene Verbindung, die Yerion den Untergang gebracht hatte.

    Der Voor schaute sich um. Er suchte nach ihr. Sein schlanker Kopf schwenkte herum. Seine Bewegungen wirkten fahrig und unbeholfen, als müsse er sich erst an die Stabilität seiner eigenen Glieder gewöhnen, und wahrscheinlich kam das der Wahrheit sehr nahe. Eilaa wusste nicht, wie lange der Daar diesen vergessenen Ort bewacht hatte, aber es konnten Jahrhunderte sein. Äonen. Vielleicht hatte man ihn schon vor dem Ruudarune, dem Krieg der Naran gegen die Daar, in diese Wand gesetzt. Ein ruhender Wächter, der in seinem steinernen Versteck nie die befreiende Stimme des Eisenvaters vernommen hatte und nun dem Protokoll folgte, das seine Erbauer ihm in den Kopf gesetzt hatten wie eine mechanische Inada, eine Schriftrolle aus hauchdünn gewalztem Stahlblech, umwoben von Aev und dem Versprechen ewigen, maschinellen Lebens.

    Die im bronzenen Metall wie dunkle Löcher wirkenden Augen des Voor glitten über die Steintrümmer, drangen in Winkel und Schatten. Lidlose Pupillen mit Sehnerven aus flimmerndem Aev. Selbst nach Jahrhunderten war das Harz des Mutterbaums noch lebendig und bereit, jenen Dingen Leben zu verleihen, die kein eigenes Leben besaßen.

    Wenige Augenblicke später sah der Voor sie. Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem eisernen Schädel, als der darunter verborgene, erwachende Cortex ihre Anwesenheit untersuchte, ihre Berechtigung.

    Dann sprach er in der Altsprache, und obwohl Eilaa die verlorene Sprache der Naran erlernt hatte, fiel es ihr schwer, seinen schleppenden, müden Worten zu folgen.

    Diese Einrichtung untersteht der ARC Crieenland nach §48 der Verordnung Einschränkungen für Industrieanlagen des Bureaus für Metallurgie und Montanwirtschaft, Jahrgang 1881. Unbefugten ist der Zutritt untersagt. Bitte weisen Sie sich unverzüglich aus!

    Seine träge Stimme klang, als reibe man rostiges Eisen aneinander, unterlegt von einem seltsamen, feuchten Gurgeln. Das Lied des Aev, das nach Jahrhunderten der klebrigen Starre erneut eine flüssige Konsistenz annahm und in die verworrenen Labyrinthe eiserner Poren vordrang.

    Eilaa erfasste das unsichtbare dritte Auge des Voor, zog den Abzug bis zu diesem feinen, fast unmerklichen Widerstand, der die Grenze zwischen Leben und Tod bedeutete, ein schwarzer Rubikon. Sie atmete aus und schoss.

    Ein weißer Knall zerriss die Ruhe. Irgendwo stieb ein Wüstenvogel in den bleichen Himmel auf. Der Schuss war perfekt platziert. Der richtige Winkel, die richtige Distanz. Der Voor torkelte rückwärts, ein schwarzes Loch in der Stirn. Blauer Dampf drang daraus hervor wie schwebendes Blut. In der seltsamen Nachahmung einer menschlichen Geste fasste er sich an die Stirn. Blaue Schlieren verklebten seine Metallfinger. Verwundert betrachtete er seine Hand, öffnete und schloss die Finger, die klebrige Fäden zogen.

    Eilaa zog den Unterhebel und warf die Messingpatrone aus. Die rauchende Hülse zeichnete funkelnde Wirbel in das Wüstenlicht und fiel dann zu Boden. Das klackende Geräusch des Ladehebels war in dieser staubigen Stille so laut wie ein Donnerschlag in der Nacht.

    Der Voor blickte auf.

    Seine Synapsen klickten und knisterten.

    Dann griff er an.

    Er zog ein Schwert aus Schattenstahl. Schwarzer Rauch, der lebte. Mit einem harten Wort in der Altsprache verlieh er der Klinge dunkle Festigkeit und Form. Ein Schimmer aus Aev wellte sich über die verdichtete Materie, die nun aussah wie dunkles Eis. Nur die mit Suulblut und Aev gehärtete Klinge eines Koona konnte diese gefürchtete Waffe der Daar parieren.

    Während der Voor in einen schnellen Lauf überging, die wie flüssiger Schatten flimmernde Klinge schräg nach unten haltend, legte Eilaa erneut an und legte das von bläulichen Rauchfingern umwobene Loch in der Stirn des Daar in die Verlängerung des Visiers.

    Hand und Geist. Geist und Hand.

    Ein letzter Versuch, und – Unaa, leite meine Hand! – er musste gelingen. Eine zweite Kugel exakt in die schon vorhandene Eintrittswunde gesetzt. Ein implodierender Feuersturm im empfindlichen Cortex des Maschinenkriegers. Die Kunst des Timaude, wie nur die Caadon sie erlernten. Doppeltes Sterben. Diese in tausenden Stunden eingeübte Technik war imstande, einen heranstürmenden Voor auf kurze Distanz zu stoppen.

    Scheiterte sie, war ihr Schicksal besiegelt, und ein Maeve würde ihre vom Körper gelöste Seele ins Dalacandra tragen, wo sie im Schatten des Mutterbaumes auf die Heimreise ins Olioné wartete.

    Der Voor stürmte heran. Aschestaub und kleine Steine wirbelten um seine schweren Schritte. Ein hohes Singen begleitete seinen Angriff. Der Schattenstahl, der die Luft zerschnitt. Er hob seinen Kopf wie ein hungriger Wolf, als wittere er den fremden, aufregenden Geruch seiner Feindin. Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem Metallschädel. Feine Kalibrierungen des Kampfes, Justierungen von Distanz, Geschwindigkeit, Kraft. Mechanismen der Naran, erdacht vor Äonen, um die Welt zu verstehen, zu beherrschen, sie schlussendlich zu zerstören.

    Eilaa atmete aus und schoss.

    Sie traf.

    Timaude.

    Der Kopf des Voor implodierte in einer Wolke aus blauem Blut, Metallsplittern und wie tote Würmer umherwirbelnden Nervensträngen. Eine Wirbelsäule aus einer knochenähnlichen Substanz kam zum Vorschein, ein bleicher Stumpf, der aus einem bronzenen Torso ragte wie ein gesplitterter Baum. Der Voor sackte zusammen, ging aber noch wenige Schritte, als weigere er sich, den Verlust seines Kopfes anzuerkennen. Die Klinge aus Schattenstahl erlosch, als sich die Befehlsgewalt des Daar zusammen mit den Splittern seines Cortex auf dem Wüstenboden verteilte. Die Hand hielt nur noch einen metallenen Griff, auf dem die Insignien seiner Schöpfer prangten. Nun sinnlose Zeichen, der Lächerlichkeit preisgegeben.

    Ein letzter Schritt, das Torkeln eines Betrunkenen, der ahnte, dass er es nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würde, bevor seine Kräfte ihn verließen, dann fiel der Voor der Länge nach hin. Seine schweren, metallischen Glieder folgten der Gravitation, die auch die Naran nie überlistet hatten, und der Maschinenkrieger verschwand kurzzeitig in einer Wolke aus dunklem Aschestaub und blauen Dämpfen.

    Eilaa zog den Ladehebel durch. Die Patronenhülse wirbelte und tanzte. Ein triumphierendes Glitzern im fahlen Licht. Erst als die Staubwolke sich gelegt hatte, nahm Eilaa das Gewehr von der Schulter und erhob sich aus ihrem provisorischen Gefechtsstand hinter den Steintrümmern.

    Sie hatte einen Voor im offenen Gelände erlegt.

    Er hat lange geschlafen, Herzseherin, andernfalls wäre die Sache anders ausgegangen.

    Eilaa drängte diesen beunruhigenden Gedanken beiseite und näherte sich dem eisernen Kadaver, der im Staub lag wie ein von einem Riesen liegengelassene Puppe. Blauer Dampf stieg immer noch aus seinem Rumpf, unterlegt vom Gestank verbrannten Horns, heißen Metalls und einer süßlichen, eigentümlich verführerischen Note. Der Geruch von Aev.

    Eine Weile betrachtete sie den leblosen Körper. Im von Staub überzuckerten Metalltorso klickten die verzweifelten Versuche unterbrochener Relais, die Energieströme wieder in Fluss zu bringen, das Aev durch die Adern aus Fibril zu leiten, um den Daar aus seiner Ruhe zu erwecken und ihn der AMC Crieenland weiter dienen zu lassen, sein einziger Daseinszweck.

    Aus diesem Schlaf aber würde es kein Erwachen mehr geben. Eilaa schob das Repetiergewehr auf den Rücken und kauerte sich hin. Sie griff nach ihrem Messer, das in einer Scheide aus poliertem Eisenholz am Gürtel hing, und tastete mit der Hand nach der richtigen Stelle am Torso des Voor. Der gebogene Brustkorb war noch warm. Selbst durch die Handschuhe spürte sie die versiegende Kraft des Aev unter dem Metall. Unterhalb der linken Achsel, verborgen unter einer Schicht aus weichem Fibril, fand sie, wonach sie suchte: der Zylinder für die Öffnung des Herzraumes. Sie kratzte die weiche, elastische Masse mit der Messerspitze weg und begutachtete den Zylinder. Er war unversehrt, ein glänzendes Schloss, seit Fertigstellung in den Manufakturen der Naran ungeöffnet. Wahrscheinlich hatte man diesen Daar gleich nach seiner Geburt in diese Minenanlage beordert und in Stasis versetzt. Die wenigen Minuten, die vergangen waren, seit Eilaa ihn geweckt hatte, waren möglicherweise seine gesamte Lebenszeit gewesen, die er bei wachem Bewusstsein verbracht hatte.

    Sie hatte ein Maschinenkind getötet.

    Wie traurig, grinste Eilaa und schob die Messerspitze in den feinen Spalt, der den Zylinder in zwei identische Hälften trennte. Sie suchte nach jener entscheidenden Stelle, die den Torso aufschloss, so wie die Naran-Gelehrten der Tama-Kaste es den angehenden Caadon auch heute noch an einem einzig zu Lehrzwecken erbeuteten Daar zeigten. Ein feines Klicken ertönte, als die Stahlspitze des Messers den in eisernen Eingeweiden versteckten Mechanismus in Bewegung setzte.

    Sie löste die fingerdicke ovale Platte vom Brustbein des Voor. Fibrilfäden klebten daran. Darunter lag das Blauherz des Maschinenkriegers, die Aev-Quelle, die totem Eisen organisches Leben schenkte. Fünf mal Drei-Domo zahlte ein Adumaa für ein Blauherz, und dieses hier war unbeschädigt und zudem beinahe unverbraucht. Selbst in einer jahrhundertelangen Stasis hatte es den schlafenden Organismus des Voor kaum mit Energie versorgen müssen. Wenn sie den Verkauf mit dem nötigen Geschick anging, würde Trumé Zweimond vielleicht gar fünf Mal Vier-Domo in die mit goldenen Inuu von Glück und Wohlstand verzierte Eisenholzschale legen.

    Morgen würde sie Raaun Weisshand für das Malen eines kaligraphischen Inuu bezahlen, das ihre Tat beschrieb, und sich dann die bunten Nervenstränge des Voor in den Gewehrlauf einflechten lassen, so wie es alle Caadon taten, die einen Voor getötet hatten.

    Später würde man ihre Geschichte an den Herdfeuern erzählen.

 

 

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