Sonnengesangs letztes Lied


Als Ard Schattentänzer den Kriegsgesang der Daar hörte, wusste er, dass er heute sterben würde. Er dachte kurz über diese Erkenntnis nach, doch begriff, dass er seine Gedanken verschwendete. Ziellos zu denken, ist zügellos zu handeln, hörte er die Stimme seines alten Nama, dessen Schwert Sonnengesang er trug. Ard aber hatte ein Ziel: Bevor er auf den Schwingen eines Maeve ins Olioné reiste, um in den großen Traum von Mawé einzugehen wie ein feiner Regentropfen in ein gewaltiges Meer, würde er mit den Daar tanzen. Ein scharlachroter, ein dunkler Tanz, wie er es seinem Namen schuldig war, begleitet von der silberhellen Musik seines Koona.

    Er war der letzte Valaan, der die fruchttragenden Mutterbäume in der Triangulation der Blumen von Eawanu bewachte. Seine Oosadane, die Einheit seiner Schicksalsbrüder, war seit dem letzten Angriff der Daar zerbrochen. Vor wenigen Tagen erst hatte er Meda, seinen ersten und letzten Schüler, mit Weißschieferöl einbalsamiert, auf einem von Traumflechten bewachsenen Felstisch unweit der Mutterbäume verbrannt und seine Asche in einem Konu-Gefäß verwahrt. Nun würde es niemanden mehr geben, der die vier tönernen Urnen der Valaan in die Schmieden der Koodame brachte; und niemand würde seinen eigenen leblosen Körper verbrennen und die langen Lieder des Erwachens für ihn singen. Er würde eine Trophäe der Daar sein, ein Artefakt aus geschundenem Fleisch und geronnenem Blut, verschleppt in den Tempel eines Room. Die Vorbeter würden sich über seinen Leichnam beugen, dessen Seele zu diesem Zeitpunkt bereits ins Olioné reiste, und mit nachdenklichen Mienen – ihre Cortexe getränkt vom Gift uralter, überheblicher Theorien – über seine seltsame organische Vergänglichkeit nachdenken. Eine Vergänglichkeit, die die Daar nicht kannten. Zumindest nicht auf diese Weise, denn auch sie waren schließlich nicht unsterblich.

    Ard Schattentänzer würde sie an ihre eigene Art der Vergänglichkeit erinnern.

    Die Daar streiften durch den lichten Wald im Süden. Sie waren kaum eine Meile entfernt, und ihre eisernen, vollkommen synchronen Stimmen formten unverständliche Liturgien, die sich von den semantischen Zwängen der Sprache ihrer lange vergangenen Schöpfer befreit hatten. Ard ging davon aus, dass es die gleiche Einheit war, die seine Oosadane vernichtet hatte: sieben Voor, um Krieg zu führen; ein berittener Room, um die Wahrheit des Eisenvaters zu verkünden; einige Croma, um das Feld zu ebnen. Ihre eisernen Füße verdarben den Boden, ihr öliger Atem verdarb die Luft. Sie waren weit weg von ihren Stasiskammern, eiserne Särge in der Dunkelheit der Erde, genährt von synthetischem Aev und umworben von den blasphemischen Gebeten der Scoon. Das Harz der Mutterbäume, die Ard mit seinem Leben beschützte, würde schließlich auch ihnen gehören. Er hatte die pathetischen Träume von einem Sieg im Angesicht einer solchen Übermacht lange schon überwunden. Aber er würde dafür sorgen, dass sie einen hohen Preis für ihre Schändung zahlten; vielleicht einen so hohen, dass ihre Einheit zerbrach und sich in der Wildnis des Armoone nie wieder neu formen konnte. Er war nicht zügellos, nicht ziellos. Sein Ziel war ihr Priester, der hässliche Kopf des Room. Die Seele ihrer Gemeinschaft. Sie mochten die Stimme des Eisenvaters so weit draußen möglicherweise noch empfangen, doch ohne die Verstärkung des Vorbeters würde sie zu leise sein, um noch wirklich gehört zu werden.

    Ard rannte zum felsigen Abhang über dem tiefen Tal, das auf ihren Karten mit dem etwas beiläufigen Namen Blaue Kluft verzeichnet war. Der Name hatte seinen Ursprung in den Katzenaugen, die in pelzigen, blauen Teppichen die Flanken des schmalen Tales bewuchsen. Von hier aus ließ sich der südliche Waldrand überblicken. Die Voor mussten diesen Weg nehmen, um zur Kolonie der Mutterbäume zu gelangen oder in östlicher und westlicher Richtung einen langen Umweg in Kauf nehmen, der zudem durch dicht bewaldetes, von zahlreichen Erdklüften zerfurchtes Gelände führte. Zu unwegsam für den schweren, ungelenken Drauc des Room. Die kleine Lichtung am Ende des Talgrund würde der Ort ihrer Begegnung sein. Ard schien es, als wäre sie vor Jahrhunderten eigens zu diesem Zweck aus der Landschaft geschnitten worden. Eine ovale Arena aus hartem Donnergras, umgeben von grausilbernen, geraden Buchen, stumme Zeugen und unbestechliche Richter zugleich.

    Die Gesänge wurden lauter, aufdringlicher. Die Luft vibrierte unter ihrer üblen Berührung. Ard glaubte sie schmecken zu können, ein metallischer, leicht chemischer Geschmack, als habe man Blut mit den Rückständen eines öligen, erzhaltigen Treibstoffs vermengt. Er holte ein optisches Glas aus seiner Hüfttasche, skalierte es auf mittlere Entfernung und beobachtete den Waldrand. Die Schwarzdornbüsche im Schatten der Buchen zitterten, in Unruhe gebracht von einem ätherischen Wind. Kleine Vögel stieben in den silbergrauen Herbsthimmel auf und setzen sich in die Kronen der nahen Bäume. Die Daar würden bald das Tal betreten, aber noch einige Zeit benötigen, es zu durchqueren. Ard hatte genügend Zeit, sich auf seinen Tod vorzubereiten. Es mussten Schnitte gezeichnet und Lieder gesungen werden. Hoher Vater Daain, Stammvater seiner Kaste, würde anwesend sein, wenn die Klinge Sonnengesang ihr letztes Lied anstimmte, und die Tausend Geister würden sich kühl und tröstend um ihn weben, seine Seele behüten bis zur Ankunft des Maeve.

    Er ging zurück zur Kolonie, ein uraltes Heiligtum aus fünf im Kreis angeordneten Bäumen, deren hohe Kronen über Äonen ineinander verwachsen waren. Die blaugraue Rinde ihrer wie Steinsäulen im Boden verwachsenen Stämme war zerfurcht, an vielen Stellen aufgesprungen oder zu langen Rissen geöffnet wie schwärende Wunden. Zu schwarzem Glas vertrocknetes Harz schimmerte in diesen Vertiefungen. Die Rückstände von Aev. Nur zweimal im Jahreskreis – im Frühjahr und im Herbst – verflüssigte sich das Baumharz, und die wie knöcherne Finger verschränkten Äste trugen kleine, blauviolette Blüten, die wenige Tage später bereits wieder vergingen.

    Ard ging an den Mutterbäumen vorbei, der Flanke des weitgeschwungenen Hügelrückens entlang, auf dessen Rückgrat die Kolonie wohl seit Jahrtausenden wuchs, und dann den Hügel abwärts durch einen hellen Buchenwald, der an einem Bach mit braunschwarzem Wasser endete. Eine uralte, halb zerfallene Holzbrücke spannte sich über den Wasserlauf. Früher musste sie stark genug gewesen sein, um Fuhrwerke zu tragen. Heute war sie kaum mehr in der Lage, der Macht eines Herbststurmes standzuhalten. Ard machte sich nicht die Mühe, das von Schwammpilzen und feuchten Flechten bewachsene Holz auf seine Belastbarkeit zu prüfen und watete durch den knietiefen Bach. Das Wasser war kalt und zog an seinen eisenbeschlagenen Lederstiefeln, ein schmatzendes, verlangendes Geräusch.

    Auf der anderen Seite lag ein langes, niedriges Steingebäude, das so zerfallen und von Dornengestrüpp verwachsen war, dass es fast wie eine natürliche Felsformation wirkte, die einer Laune der Natur wegen wie ein Gebäude aussah. Aber tatsächlich war es ein Haus, die Überreste einer kleinen industriellen Anlage zur Gewinnung von Celestium, wie Aev in der Sprache des Alten Reiches genannt worden war. Element des Göttlichen. Aber die Naran hatten einem anderen Gott gedient, einem männlichen, rachsüchtigen Gott, der alleine herrschen wollte und in seiner Hybris zugelassen hatte, dass seine Kinder, das Volk Gottes, die Daar erschaffen konnten.

    Aber es waren die Naran selbst gewesen, die schließlich ihre eigene Kultur und mit ihr die halbe Welt zerstört hatten.

    Ard eilte in das Innere des zerfallenen Gebäudes. Der Dachstuhl war fast gänzlich eingestürzt, die Balken schwarz gegerbt, das Mauerwerk von zähen Traumflechten überwuchert. Seine Oosadane hatte hier vor zwei Jahren das Lager der letzten Wache übernommen, deren Valaan nach Jahrzehnten des treuen Dienstes zu alt geworden waren, um weiterhin in der Wildnis zu leben. Die alten Suul hatten die Celestium-Mühle zu einem ansehnlichen Aufenthaltsort umgestaltet, so gut es ihnen mit ihren begrenzten Mitteln eben möglich gewesen war: ein Schlaflager mit sauberen Matratzen und bestickten Wolldecken unter einem Baldachin aus der mit Wachs versiegelten Hülle der Gasbarke, mit der sie vor Jahren von der Sternenmutter hinunter auf den Erdboden von Aruun geschwebt waren; ein gusseiserner Ofen, der hier schon seit Jahrhunderten stand, ein stummes Relikt der Naran, und im Winter dafür gesorgt hatte, dass sie nicht erfroren; eine kleine Werkbank für die Reparatur von Kleidung, Waffen und täglichen Gegenständen; eine Küche mit einem alten Gasherd; in einer von Eisenlaternen erhellten Ecke ein Schrein mit einer von Wildrosen und roten Steinen geschmückten Bronzestatue von Daain. Er bedauerte, dass dieser Ort bald von Daar verunreinigt werden würde. Es war eine Schande, und er fühlte sich schuldig, dass selbst sein Tod nicht ausreichte, diesen Frevel zu verhindern. Aber ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken.

    Hinter dem Schrein befand sich eine schmale, lange Eisentruhe, die mit einem schweren Schloss gesichert war. Ard öffnete sie mit einem Schlüssel, den er an einer feinen Halskette unter der Rüstung getragen hatte. Sie enthielt das Namos, das Herz ihrer wehrhaften und heiligen Gemeinschaft, die nach dem Tod seiner Brüder nun von vier identischen Ascheurnen aus dunklem, glasiertem Konu repräsentiert wurde. Wie es der Brauch war, würde nun Ard dafür sorgen müssen, dass die Geister seiner Brüder an diesem letzten Kampf teilhaben konnten. Er nahm die Urnen aus der Truhe und stellte sie in einer Reihe vor den Schrein; dann sammelte er mit fliegenden Fingern die anderen Dinge ein, die er benötigte: Weißschieferöl in einer gläsernen Phiole, ein klebriger Klumpen dunklen Räucherharzes, getrocknete und pulverisierte Blüten von Wildrose und Mutterbaum, zwei mit machtvollen Inuu von Rauch und Festigung verzierte Bronzeschalen.

    Mit einem Gasfeuerzeug entzündete er die langen, schmalen Kerzen aus rotem Wachs, die wie ein Wald aus Stöcken um die Statue von Daain wuchsen. Die Flammen spiegelten sich in den lidlosen Augen des Hohen Vaters der Laan-Kaste. Der Gott aus Bronze erwachte zum Leben. Ard grüßte ihn und kniete sich dann vor den Schrein. Er legte die eine Metallschale neben sich, zerbrach das Räucherharz darin zu kleinen Klumpen, vermengte es mit den getrockneten Blüten zu einer dunklen Mischung und entzündete sie. Fettiger, roter Rauch stieg auf, kletterte an ihm empor, drang in seine Poren und wob sich um seine knieende Gestalt. Der Duft war schwer und süß. Ard sprach das Gebet von Feuer und Blut. Limu’hede na mara Laan. Die Liturgie drang auf Schwingen aus Rauch mit jedem tiefen Atemzug in seinen Körper ein, sickerte über feine Kapillaren in sein Fleisch und fand schließlich die Kammern seines Verstandes, um sich dort niederzulassen.

    Als die Liturgie sich seines Geistes und seiner Lippen bemächtigt hatte, zog er Sonnengesang aus der Scheide. Die Klinge schimmerte wie helles, von Morgenlicht durchwirktes Wasser. Ard konnte sie singen hören. Ein feiner, kristalliner Ton, der in der rauchverhangenen Luft zitterte. Er hielt das Schwert auf den Handflächen und hob es in den Blick von Daain. Als er sich sicher war, dass der Iruuma gesehen hatte, wie rein die Klinge seines Kriegers war, legte er die Waffe vor sich auf den Schoss. Er öffnete die Urnen, nahm aus jeder ein wenig Asche und vermengte sie in der anderen Metallschale mit dem Weißschieferöl zu einer braungrauen, öligen Paste. Diese strich er mit kreisenden Fingern auf die flache Seite der Klinge, während er weiter seine Liturgie sprach. Die dunklen Schlieren bildeten verschwommene Inuu auf dem schimmernden Metall. Der Geist seiner getöteten Brüder sank in die Struktur des Stahles. Er nahm das Schwert und entblößte seinen linken Unterarm. Dann zog er die bis zur kristallinen Unkenntlichkeit geschärfte Schneide mit einem schnellen Streich über die Haut etwas unterhalb der Armbeuge. Die Klinge hinterließ eine feine, aber tiefe Wunde. Hellrotes Blut trat hervor, lief in dünnen Rinnsalen seinen Arm hinunter, tropfte auf den staubigen Boden. An der Schneide schimmerte das frische Blut so rein und heiß wie flüssige Glut.

    Sonnengesang trank; und Ard ließ das Schwert trinken, bis es nach mehr verlangte. Er hörte seine Stimme, ein auf- und abschwellender Gesang, der in seinem Verstand widerhallte. Limu’hede na mara Laan. Sein Koona war bereit, ihm in diesen Kampf zu folgen. Ein letztes Mal.

    Als er sich wieder auf dem felsigen Plateau über der Blauen Kluft befand, sah er, dass die Daar bereits den Wald verlassen hatten. Im fahlen Herbstlicht glänzende Schemen, die sich in einer langsamen Kolonne vorwärtsbewegten. Ihr Kriegsgesang eilte ihnen voraus, prallte von den Hängen des Tals und verlor sich in den Wäldern. Ard holte sein Fernglas hervor. Es waren tatsächlich dieselben Daar, die im Verlauf der letzten Wochen nach und nach seine Brüder getötet hatten. Sie wussten, dass die Oosadane dieser Kolonie über keine Reserven mehr verfügte, und nun waren sie zurückgekehrt, um die Geschichte zu beenden und die Mutterbäume in ihre Versorgungskanäle einzuschleusen. Er skalierte das Fernglas auf Nahsicht und sein Blick traf auf den Schädel des vordersten Voor. Er war ihm so nahe, dass er das ätherische, blaue Leuchten in der Tiefe der lidlosen Maschinenaugen erkennen konnte. Er skalierte zurück, angewidert davon, seinen Feinden plötzlich so nahe zu sein, und betrachtete die Einheit aus mittlerer Entfernung. Sieben leicht geduckte Voor, angeführt von einem berittenen Room, im Schlepptau eine Horde katzbuckelnder Croma. Alle trugen sie einen mit einer gehässigen Fratze versehenen blutroten Sichelmond auf knochenweißem Grund. Ein mächtiger, weitverbreiteter Klan, der als Totenmond bekannt war und in der hohen Gunst des Eisenvaters stand.

    Ard Schattentänzer machte sich an den Abstieg ins Tal. Heute würde Gaal, der verfluchte Eisenvater, einen Priester verlieren.

    Er erreichte die Lichtung vor ihnen und kniete sich hin, die Hände auf die Knie gelegt, die Augen geschlossen, Sonnengesang in seiner scharlachrot lackierten Eisenholzscheide am Hüftgurt ruhend, ein pochender Druck, unablässig und verlangend. Das Koona spürte die Anwesenheit der Daar, und es verlangte gezogen zu werden, denn sein Lied war noch nicht zu Ende gesungen.

    Der Maschinengesang verstummte. Die Voor hatten ihn entdeckt. Ard öffnete die Augen.

    Einmal mehr überraschte ihn, wie filigran die Daar gearbeitet waren, obwohl er nur zu gut wusste, welche verheerende Gewalt in ihren Gliedern steckte. Die schlanken Köpfe der Voor suchten die Umgebung nach weiteren Orome ab, ihre schimmernden Haare aus losen, von funkelnden Metallperlen beschwerten Kabelsträngen schwebten an ihren Hinterköpfen, unruhig wie aufgeschreckte Schlangen. Diese Stränge schienen ein eigenes Leben zu haben, einen eigenen Willen, doch Ard wusste, dass sie nur eine sichtbare Verlängerung der mit Aev gespeisten Cortexe waren, die in den geschwungenen Bronzeschädeln ruhten. Selbst auf diese Entfernung konnte er hören, wie die Synapsis ihrer uralten Gehirne klickte und knisterte. Es war die Sprache, die sie untereinander verwendeten und die selbst den Gelehrten der Tama-Kaste weitestgehend ein Rätsel war. Die Voor waren einst als Soldaten und Ordnungskräfte geschaffen worden, und das waren sie im Grunde noch immer, auch wenn sie ihre Erscheinung während Jahrhunderten an die Gegebenheiten ihres neuen Daseins angepasst hatten, verändert von den Einflüssen ihres Übervaters Gaal, der ihren einst von Menschen gelenkten Willen zu seinem Willen gemacht hatte. Diese Daar hier schienen allesamt Daarma, Überlebende des Ruudarune, jenem schnellen, verheerenden Krieg, der die Kultur der Naran vernichtet hatte. Sie waren nie umgebaut, nie in den Kreislauf von Eisen, Öl und Feuer zurückgegeben worden. Sie waren ursprünglich, uralt und erhaben, der eigentliche Adel der Maschinen. Ihre Körper waren aus schlanken Metallmuskeln modelliert, umgeben von semiorganischem Fibril, die Messingplatten ihrer Rüstung mit einer lieblich anmutenden, blumenhaften Ornamentik ziseliert, nur gebrochen vom Kontrast des mit grellen Farben in die Metallhaut geätzten Klan-Symbols. Die gefährlichste ihrer Waffen lag noch verborgen in einer in die linke Armschiene eingelassenen Vertiefung, während die offensichtlichere, eine schwere Parabellum-Repetierpistole, in einem offenen Metallholster am rechten Oberschenkel ruhte.

    Einmal mehr aber war Ard überrascht von der erhabenen und doch so gewalttätigen Erscheinung des Room, der hoch auf seinem Reittier saß und den knieenden Orome betrachtete wie ein Insekt, das er unter seinen eisernen Stiefeln zermalmen würde; aus purer Langeweile vielleicht oder einer gehässigen Boshaftigkeit. Er glich seinen Soldaten, obwohl er von kleinerer und weniger kräftiger Statur war. Um Kinn und Wangen aber wuchs ihm ein Bart aus eben jenen losen Kabelsträngen, die er gleich wie die Voor zusätzlich auch am Hinterkopf trug; und anders als die Krieger trug er einen langen Mantel aus kunstvoll ineinander verflochtenen Metallschuppen, der schimmerte wie das Kleid eines metallenen Drachens. Wie alle Room trug er keine Waffe, und die brauchte er auch nicht, denn die dunklen Künste seines Amtes waren ihm Autorität genug.

    Sein Reittier, der Drauc, ein absonderlicher Hybrid aus Pferd und Maschine, verdorbener Abkömmling der starken Zuchttiere der Naran, schüttelte seinen gepanzerten Schädel und gab ein schnaubendes, eigentümlich seufzendes Geräusch von sich, als er das Tier mit einem Ruck der Zügel zum Stehen brachte. Der Daar-Priester betrachtete ihn eine Weile, stumm und ohne Ungeduld. Seine Soldaten aber konnten ihre Unruhe kaum verbergen. Sie hatten einen Feind entdeckt, denn es gemäß ihrer Natur zu bekämpfen, zu vernichten galt, doch sie hatten keine andere Wahl als zu warten, bis ihr Vorbeter ihnen mit Worten der Macht erlaubte, den zwischen Gewebe aus weichem Fibril und öligen Nervensträngen pulsierenden Algorithmen zu folgen.

    Aber es war Ard Schattentänzer, der zuerst sprach; und seine Worte waren die alte Liturgie der Herausforderung, so wie die Suul sie seit Generationen sprachen, um einen Zweikampf zu eröffnen. Er erhob sich und breitete die Arme aus, die Handflächen nach außen, als wolle er sein Gegenüber in die Arme schließen. Sonnengesang blieb an seiner Seite, ungezogen, doch verlangend. Ard fixierte den Room mit einem durchdringenden Blick. »Mein Name ist Ard Schattentänzer, und ich bin der Sohn von Arom Zweihand, und ich bin der Ursohn von Ardus Nebelseher, und wir sind die Söhne von Daain, dem Vater der Laan, ewige Gemeinschaft von Feuer und Eisen, und ich fordere dich zum Kampf, verfluchter Abkömmling von Gaal, mit Geist und mit Hand.«

    Der Room lachte. Es klang wie das Husten einer alten Maschine, die ihre letzten klebrigen Treibstoffreserven verbrauchte. »Du willst mich bekämpfen, Himmelsmensch? Du bist alleine. Du wirst sterben wie die anderen.«

    »Ja, Daar, ich werde sterben«, antwortete Ard und kreuzte die Arme vor der Brust. »Aber während ich sterbe, werde ich deinen Kopf in den Händen halten.«

    Er zog Sonnengesang, eine schnelle, geschmeidige Bewegung. Das Schwert fuhr wie von selbst aus der Scheide, beschrieb einen schimmernden Halbbogen vor Ards Brust und zeigte am Ende seiner Bahn in den grauen Himmel hoch, ein weißgoldener, leicht gebogener Schweif. Das Koona sang in der heiligen Sprache des Stahls, ein hohes, energetisches Flüstern, und obwohl Ard sie mit der fettigen Asche seiner gefallenen Brüder und seinem eigenen Blut eingerieben hatte, war die Klinge nun so rein und schimmernd wie am Tage ihrer Geburt in den Schmieden der Sternenmutter. Das Schwert hatte die Blutasche in sich aufgenommen, und nun lebte der Geist der Oosadane in ihm.

    Die Voor erstarrten, und die Croma hinter ihnen wurden von einer plötzlichen Unruhe befallen. Nur der Room blieb ruhig auf seinem von verlorener Mechanik verunstalteten Reittier sitzen.

    »Dies ist Sonnengesang«, sagte Ard und hielt das Koona in die Höhe wie die Monstranz eines Kriegsgottes. »Es nahm das Leben vieler Daar; es trank das ölige Blut von Mephorash, dem schwarzen Herrn der Fliegen; es erschlug Sanguin, Kommandant der Scherbenwächter in der Gläsernen Stadt; und nun wird es auch dich von deinen Leiden erlösen, Vorbeter.«

    »Vernichtet ihn!« befahl der Room seinen Soldaten.

    Die sieben Voor rissen gleichzeitig ihre Repetierpistolen aus den Holstern.

    Das Donnern der schweren Pistolen war eine Urgewalt. Die zehn Kammern der Magazine leerten sich wie die Feuerstöße sieben wütender Stahldrachen. Siebzig Geschosse, die Ard Schattentänzer in ein blutiges Nichts aus Knochen und zerfetztem Gewebe verwandeln würden.

    Als der Rauch sich legte und nur der beißende Gestank von heißem Metall und Schwarzpulver zurückblieb, stand Ard Schattentänzer immer noch.

    Keine Kugel hatte ihn berührt.

    Die Synapsen der Voor knisterten hektisch wie elektrisches Feuer. Sie waren erstaunt, und sie waren wütend. Die Croma hinter ihnen jammerten mit metallischen Stimmen.

    »Er ist ein Kinetiker«, sagte der Room, und die Voor steckten ihre nutzlosen Pistolen in die Holster zurück.

    »Nun kommt«, sagte Ard Schattentänzer und brachte das Schwert mit einer flüssigen Bewegung vor sich. Helle Lichtfinger folgten der Klinge und zerschnitten die Luft zu bleiernen Chimären.

    Die Voor öffneten ihre linken Armschienen und griffen nach den langen Schwertgriffen, die in den Vertiefungen verborgen lagen.

    Schattenstahl.

    Ard wartete nicht, bis die Voor sich zu einer geschlossenen Verteidigung formieren konnten. Er rannte los, und er rannte seinem sicheren Tod entgegen. Das Koona sang und erzählte von den vielen Siegen, die es errungen hatte, auch wenn es ebenso wusste, dass auf diesem Feld der kalten Erde kein Sieg mehr möglich war.

    Nur drei der sieben Voor standen zwischen Ard und dem Room; die restlichen vier flankierten ihren Priester. Gelang es ihm, die Linie dieser drei Daar zu durchbrechen, würde der Room wenige Augenblicke lang schutzlos sein.

    Ein Augenblick würde Ard Schattentänzer genügen.

    Die Voor sprachen die Worte der Macht in der Altsprache, und der lebendige Rauch, der einer unsichtbaren Linie entlang aus den Griffen ihrer Schwerter gekrochen kam wie die schlanken Leiber müder Schlangen verhärtete sich zu Klingen aus einem Stahl, der schwarzem Eis glich.

    Ard erreichte den ersten Voor, glitt im letzten Augenblick unter seinem horizontal geführten Schwerthieb hindurch und schlitterte an eisernen Beinschienen vorbei unter das Maul des Drauc. Noch während der Room das Tier an den Zügeln auf die Hinterbeine riss, um den Orome mit den schweren Pferdehufen zu zertrümmern, stieß Ard sein Koona mit beiden Händen nach oben. Die Klinge glitt durch den eisernen Brustpanzer des Drauc tief in das dahinter liegende Fleisch, so mühelos als zerteile man kaltes Fett mit einem glühenden Eisen. Ard spürte, wie die Schwertspitze das Herz des Tieres durchstieß und Sonnengesang sein Leben trank. Er riss die Klinge zurück und drehte sich in derselben Bewegung zur Seite, um nicht vom fallenden Körper des schon toten Pferdes zerdrückt zu werden. Während der Drauc neben ihm zu Boden stürzte, den gepanzerten Schädel wie der Bug eines sinkenden Schiffes nach vorne geneigt, erhob sich Ard und parierte noch im Aufstehen den vertikal geführten Hieb eines Voor. Er machte nicht den Fehler, den Daar seinerseits anzugreifen und sprang stattdessen auf den Hals des Drauc.

    Ard sah die Lücke, einen Augenblick nur, kaum zwei Herzschläge lang, und er sah, dass auch seine gefallenen Brüder die Lücke sahen. Sonnengesang erglühte zu einem hellen Licht. Es brüllte, frohlockte, triumphierte.

    Jetzt, Schattentänzer. Jetzt!

    Er kickte den immer noch im Sattel sitzenden Room mit einem gewaltigen Tritt nach hinten und sprang auf seine eiserne Brust, während die umstehenden Voor versuchten, ihn mit ihren Klingen zu erreichen und dabei feststellen mussten, dass der wuchtige Kadaver des Drauc sie daran hinderte. Zumindest vorerst noch. Ard sah das Erstaunen in den dunklen, gläsernen Augen des Priesters. Das blaue Leuchten des Aev in der Tiefe der optischen Linsen flackerte unruhig.

    Der Room fürchtete sich.

    Ard stieß Sonnengesang in die weiche Kuhle aus Fibril und Messingsträngen dicht unter dem Kinn des Vorbeters und riss die Klinge noch in der gleichen Bewegung zur Seite, während er gleichzeitig mit der freien Hand den Bart aus losen Kabeln ergriff. Kurz spürte er das seltsame, fiebrige Leben, das in den Kabelsträngen pulsierte, dann verging auch dies, und er hielt den Kopf des Room in der linken Hand, am Bart baumelnd wie eine tote Ratte am Schwanz. Die erloschenen Augen starrten ihn an. Nur nutzlose Murmeln aus kaltem Glas.

    Ein weißes Licht explodierte in seinem Rücken, ein sengendes Feuer, das seine Wirbelsäule zertrümmerte und in seinen Hinterkopf hinauf blitzte. Er brach in die Knie, unfähig die Arme zu bewegen. Seine linke Hand verkrallte sich in den Bart des Priesters, während seine rechte immer noch das Schwert hielt, die Finger zu eisernen Zangen verkrampft, die auch der nahende Tod nicht lösen würde.

    Er rutschte seitlich vom Kadaver des Drauc, schlug mit der linken Schulter und dem Rücken auf den Boden und spürte, wie seine zerschossene Wirbelsäule unter dem roten, mit feinen Inuu geschmückten Eisenholzpanzer in nutzlose Stücke zerfiel. Der Schmerz war unerträglich, doch Ard wusste, dass er ihn nicht lange ertragen musste. Nur Augenblicke noch. Er schaute auf. Die Voor blickten auf ihn herab wie die Gäste einer Beerdigung auf den Leichnam im offenen Grab. Das dunkle Loch einer Pistolenmündung näherte sich. »Stirb, Himmelsmensch!« sagte eine eiserne Stimme in der Altsprache, und dann löschte ein weißes, gleisendes Licht die Welt und alle Schmerzen aus.

    Während seine Seele sich vom Körper löste, um auf den Schwingen eines Maeve ins Olioné zu reisen, hielt Ard Schattentänzer den Kopf des Room immer noch in der Hand; und Sonnengesang sang die letzte Strophe seines letzten Liedes.

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

 

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