Der Garten der Weißen Blüte

 


Sein Meister hatte Isan Silberstimme in die Ruhe des Varnumon der Weißen Blüte geschickt, um über die Prüfung nachzudenken, die ihm bevorstand.

    Der quadratische Hof im Herzen der Sternenmutter gehörte bis zum Ruf der Geisterlure ihm und seinen Gedanken. Im silbernen Schatten des Weißdorns, der das Herz des kleinen Gartens bildete, hatte er sich an den niedrigen, schmalen Tisch aus Rosenholz gekniet und bereitete das Lomiré vor, das Sehen des Rauches. Es war ein milder Frühlingstag, und der kunstvoll gewobene Baldachin in den Farben der Aevadi, der bei Regen über den Hof gespannt werden konnte, war zurückgezogen. Samtenes Mittagslicht fächerte sich durch die in Blüte stehende Krone des Weißdorns und spiegelte sich in den perlmutternen Intarsien der fein gearbeiteten Werkzeuge, die Isan auf einem Seidentuch vor sich ausbreitete: Ein schmaler Silberlöffel, der konkave Kopf mit blumenhaften Durchschlagsmustern versehen; ein handtellergroßes, rundes Gefäß aus Lomholz, verziert mit Einlegearbeiten aus geschliffenem Perlmutt; ein mit Steingas angetriebener Anzünder in der filigranen Gestalt eines silbernen Lodoré des Feuers; und schließlich das Herzstück des Lomiré, die Lom-Pfeife, ebenfalls aus dunklem Lom-Holz und Silber gearbeitet, der Schlüssel der Geister, wie sein Meister manchmal zu sagen pflegte.

    Isan legte die Hände auf die Knie, schloss die Augen und sammelte seinen Geist. Seine wirbelnden Gedanken formten sich unter seinem Willen zu einer hellen, harten Kugel. Er drehte die Kugel, besah sie von allen Seiten und empfand sie als ausreichend. Sie würde das Gefäß sein, das seine Gedanken aufnahm, bis diese im Rauch des Lom in die Sphäre der Geister emporsteigen konnten. Er drang in die Kugel ein, so mühelos als tauche er in ein warmes Bad, und bettete seine Gedanken in ihr weiches Licht.

    Ohne die Augen zu öffnen, bereitete er die Lom-Pfeife vor. Seine Hände vollführten ihr Werk alleine, ohne die Unterstützung seiner Gedanken. Viele Stunden der Übung waren in seinen Fingern festgeschrieben, die den Weg, den sie zu beschreiten hatten, längst selber kannten. Mit dem Silberlöffel nahm er das zu einer klebrigen, roten Paste geformte Lom aus dem Gefäß und gab eine erbsengroße Menge in den metallenen Pfeifenkopf, der sich über eine feine, ovale Klappe öffnen ließ. Der Lodoré des Feuers blies seinen heißen Atem in den Kopf und entzündete das Lom. Erweckt von der Wärme leuchteten die Intarsien am geschwungenen Pfeifenhals auf, sprechende Inuu so fein wie die Haare eines kleinen Kindes.

    Isan nahm die Pfeife in beide Hände, führte das silberne Mundstück zu den Lippen, und während er den leicht süßlichen Rauch aus dem Pfeifenkopf zog und er das vertraute Knistern der brennenden Paste vernahm, befreite er seine Gedanken aus der Kugel, inhalierte und öffnete die Augen.

    Er schaute in das Blütenmeer des Weißdorns über ihm. Roter Rauch wob sich um die Blütenkelche, liebkoste den Baum, der schon so lange hier in diesem Garten heiliger Erkenntnis wuchs, dass selbst die ältesten Inada, die heiligen Schriftrollen der Aevadi, nichts über seine Abstammung zu berichten wussten.

    Sein Samen konnte in einem Heiligtum der Mardu gesprossen sein, damals vor tausend oder mehr Jahreskreisen. Aber diese Zahl hatte keine Bedeutung, nicht an diesem Ort, der sich der Macht der Zeit nicht zu beugen hatte.

    Isan beobachtete die Gestalt des Rauches, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, die tanzenden Formen mit seinem Verstand verstehen zu wollen. Seine Gedanken flogen mit dem Rauch, wurden von ihm getragen, auf federleichten Schwingen, hinauf in die Welt des uralten Weißdorns und darüber hinaus in die Frühlingswinde, die über dem Varnumon ihre Lieder sangen. Sein Kopf fühlte sich leicht an und taub, und er konnte die Stimmen hören, die über ihm schwebten wie seidenweicher Nebel. Sie gehörten dem Baum, der mit den Geistern sprach, die der Rauch zu ihm getragen hatte. Sie gehörten auch den Winden, die sich in der Baumkrone bewegten, sich an die wetterschwarzen Äste schmiegten. Aber sie waren noch nicht verständlich, ihre Worte noch verwaschen und undeutlich, als würden sie aus weiter Entfernung zu ihm kommen, und Isan zog erneut an der Pfeife, ließ das Lom brennen, um erneut mit seinem Rauch in die Höhe zu steigen. Seine Brust füllte sich mit warmem Rauch, und das Lom pulsierte in seinen Gefäßen wie von einem Windhauch gestreifte Glut.

    Irgendwann bevor das Maan des Gartenwächters seine Reise mit den Geistern beendete, würde es ihm gelungen sein, die Worte zu verstehen.

    Die Prüfung des Sprechenden Steins, die sein Meister ihm bald auferlegen musste, würde ihm dann keine unruhigen Nächte mehr bereiten.

Zweimal gestorben

 

Eilaa Herzseherin spürte den Sturm kommen. Ein leichter Druck hinter der Stirn, die Berührung einer weissagenden Hand, nicht mehr als eine Ahnung. Obwohl der Himmel klar und blassblau über ihr lag wie eine ruhige Wasserfläche, nur gesprenkelt von faserigen Wolkengeistern, wusste sie, dass sie Schutz suchen musste, bevor der Wind plötzlich wechselte und brüllende Chimären aus flirrenden Aschepartikeln aus dem weichen Boden erweckte. Hatte sie dann keinen Unterschlupf, würde sie vielleicht nie mehr einen brauchen. Sie hatte nur von wenigen Caadon gehört, die einen Dunkelsturm im offenen Gelände überlebt hatten. Man sagte, Damoo Zweifinder sei es gelungen und Iruu Eisenauge habe im Sturm sogar gegen einen Daar gekämpft, doch solche Geschichten wurden größer und kühner je mehr man sie herumreichte, und irgendwann brachen sie sich wie Wellen an einem steinigen Ufer und erstarben, oder aber die Marad zeigten sich interessiert und hielten sie auf einer Inada fest, um sie fortan gegen ein kleines Tempelopfer an den Herdfeuern der Kasten vorzutragen.

    Eilaa ging ostwärts auf Yerion zu, dessen Konturen am Horizont als schwarzblaue Schatten zu erkennen waren, nur ein paar Wegstunden entfernt. Trockener Aschesand wirbelte um ihre kniehohen Stiefel und schmirgelte das geölte Leder ab. Sie trug ihren mehrfach gefalteten Umhang aus braunroter Yookwolle schräg über Brust und Rücken gespannt, das Gewehr darunter dicht an der Wirbelsäule, geschützt vor der feinen Asche, die sich in jeder noch so kleinen Spalte niederließ, schwarze Schlieren in Falten zeichnete, wo kein Stoff, Leder oder Holz die Haut bedeckte. Die Rundgläser, die in ihre aus poliertem Aamholz geschnitzte Gesichtsmaske eingelassen waren, trugen einen wasserdünnen Lack, eine Versiegelung, die verhinderte, dass die Asche sich auf das geschliffene Glas setzte und ihr irgendwann die Sicht nahm. Die skalierbare Optik der Brille war ebenso überlebenswichtig wie die harte, mechanische Funktionalität ihres Repetiergewehrs. Sie hatte die Gläser auf eine mittlere Fernsicht eingestellt und studierte die unregelmäßigen Erhebungen und vom konstanten Wind abgeschliffenen Dünen, die sich wie Wellen aus dem dunklen Sand hoben.

    Rund eine halbe Meile entfernt konnte sie eine verschachtelte Felsformation ausmachen, ineinander gestürzte, schlanke Steine, vielleicht eine Ruine der Naran, die so weit draußen in der Wüste immer noch häufig zu finden waren, auf keiner Karte der Tama festgehalten, freigelegt von ruhelosen Windfingern. Solche Orte aber waren nicht selten bewohnt. Ruheplätze von versprengten Daar, die nicht mehr zu ihrem Klan zurückfanden, verdammt zu einem langen Schlaf, der irgendwann nach ungezählten Jahren in eine rostige Stasis überging, was wohl dem natürlichen Tod eines Daar entsprach.

    Aber Eilaa hatte kaum eine Wahl. Die Felsen waren in der optischen Reichweite ihrer Brille der einzige Hinweis auf einen vielversprechenden Unterschlupf. Sie konnte es wagen weiterzugehen und vielleicht doch noch eine Ansammlung versteinerten Totholzes oder eine geschützte Felskuhle zu finden, doch es war ein Wagnis, das sie das Leben kosten konnte, und eine Caadon wurde nicht ausgeschickt, um die Reise nach Olioné herauszufordern. Sie war ihrer Kaste verpflichtet und der Suche, die diese Verpflichtung zur Folge hatte.

    Sie skalierte die Brille auf weite Fernsicht und studiert die Felsen eingehender. Es waren zweifellos Mauerreste. Verwitterter, grauschwarzer Stein, abgeschliffen von Wind und Wetter, bedeckt von öligen, böse Träume und später den Tod bringenden Traumflechten. Außer dem Donnergras, das im Schatten der Steine wucherte, bewegte sich nichts. Die langen, schlanken Halme strichen wie Insektenbeine über die vernarbten Felsen. Kein lebendes Metall fing das bleiche Wüstenlicht ein. Wenn es dort Daar gab, dann schliefen sie oder waren längst nur noch bis zur Unkenntlichkeit verrostete Hüllen ohne Erinnerung und Ansehen.

    Eilaa reduzierte die Vergrößerung und ging los. Der Wind hatte bereits zugenommen. Es war keine intuitive Ahnung mehr, kein Flüstern im Nacken. Nun war es sichtbar. Die körnige Asche, aus der die Olwuu bestand, wirbelte in kleinen Zyklonen auf, die Augenblicke später bereits wieder zerfielen, doch bald schon würden sie groß und kräftiger werden und schließlich die Größe einer Himmelsbarke angenommen haben. Schwarze Riesen aus Wind und Asche, die alles hinwegfegten, was sich ihrem wirbelnden Totentanz nicht anschließen konnte.

    Als der Himmel sich zu verdunkeln begann wie trübe gewordenes Wasser, beschleunigte sie ihre Schritte, bis sie schließlich rannte. Asche und kleine Steine spritzten unter ihren Stiefeln auf. Der Wind hatte sich bereits gedreht und schob schmutzige Wolkenschlieren über den Himmel. Sie fokussierte sich auf die Felsen, die allmählich auch ohne die Hilfe optischer Vergrößerung an Kontur gewannen. Ihr Atem ging schnell aber regelmäßig. Sie lauschte ihm wie einem vertrauten Lied und spürte, wie eine kühle Ruhe sie umfing. Die Geister des schnellen Laufes. Eine Übung, die sie schon früh zu meistern gelernt hatte wie jede Caadon, die gewillt war, ihre Suche zu überleben.

    Sie erreichte die Felsen, als erste Blitze den Horizont zerrissen, weißglühende Adergeflechte, eine Drohung aus Licht und Hitze. Es war zweifellos eine Ruine der Naran. Alte Mauern, ein halber Torbogen, die runden Wirbel eines umgestürzten Schlotes, daneben auch eiserne Relikte, von Rost und Flechten zerfressene Teile eines Heizkessels, halb im Boden vergraben. Vielleicht war das hier eine metallurgische Einrichtung für den Abbau von Erzen gewesen, wie sie unter der Olwuu auch heute noch zu finden waren. Sie würde das Gebiet nach dem Sturm eingehender untersuchen. Gut möglich, dass die eigentliche Anlage unter dem Erdboden verborgen lag und dies hier nur eine kleine oberirdische Station war, ein Förderturm oder eine Steinmühle. Wenn Unaa, die Lodoré der Langen Suche, ihr gestriges Opfer von Blut und Blumen zu schätzen gewusst hatte, würde sie vielleicht nicht bis nach Yerion reisen müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Ruinen, die in der Olwuu verborgen lagen, waren noch lange nicht ausreichend erkundet. Sie bargen noch Erinnerungen von Maschinen. Selbst nach Jahrhunderten des Zerfalls.

    Den pulsierenden Blitzen folgte tiefer Donner, und bereits strichen erste Gespenster aus schwarzer Asche um die Steine, flüsternd und unruhig, die Vorboten des Dunkelsturms. Eilaa untersuchte den Heizkessel. Er steckte wie eine umgestürzte Kuppel im weichen Boden, ein eisernes Zelt. Hinter schmutzigen Vorhängen aus Donnergras verbarg sich eine Öffnung, die in einen dunklen Bauch führte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, bevor die Winde zu stark wurden, damit ein Mensch noch aufrecht stehen konnte. Doch sie musste vorsichtig bleiben, gespannt doch nicht angespannt, nicht voreilig und überstürzt, sondern auf die Macht ihres Verstandes und ihrer schlanken Glieder vertrauend. Mit fliegenden Fingern holte sie eine kleine Lichtkugel aus ihrer Gürteltasche und fügte sie in die dafür vorgesehene Öffnung seitlich der Gesichtsmaske. Ein weißes Licht erglühte auf ihrer Stirn wie das dritte Auge eines Maeve, eines Seelenvogels. Es leuchtete den Heizkessel aus. Nur weitere alte Steine, im ewigen, blauen Schatten verkümmertes Donnergras und zu einer faserigen Unkenntlichkeit verrostete Eisentrümmer. Keine Schlangen oder andere Wüstentiere und schon gar kein Daar. Sie zwängte sich unter die Eisenhaube und verkroch sich in den hintersten Winkel, wo die Winde sie nicht mehr erreichen konnten. Sie nahm sich den Umhang von der Brust, faltete ihn auseinander und hüllte sich in das dichte, mit Wachs versiegelte Gewebe, eingehüllt wie ein kleines Kind in die Geborgenheit mütterlicher Wärme. Der Dunkelsturm konnte die Temperatur innert Augenblicken um bis zu zehn Soma fallen lassen.

    Sie rezitierte die Liturgie der Caadon, während die schwarzen Aschewinde um ihren Unterschlupf kreischten wie Harpyien aus Dunkelheit, kräftige Klauen, die über das Eisen des Heizkessels kratzten, zogen und zerrten, um die Orome, die es gewagt hatte, sich ihrem Zugriff zu entziehen, in ihren Mahlstrom zu reißen. Die Liturgie aber hielt sie warm, umfing sie mit einem schützenden Harnisch aus rhythmischen Silben. Deelum lar‘naan da Nomoo, inee‘de ma Arum. Worte so alt wie die Kaste der Laan, jahrhundertealt, und doch wirkte ihre Macht noch immer, gar größer und mächtiger geworden durch das Gewicht der vielen Jahre. Eilaa versenkte sich in ihren Klang, gab sich ihrer schützenden Kontur hin, und bald darauf verlor sich das Brüllen des Sturms in einer bedeutungslosen Ferne.

    Als die Winde gingen und die Blitze erloschen, blieb nur eine drückende Stille zurück. Eilaa wickelte sich aus ihrem Umhang und tastete sich ans Licht, das bleich und staubig in den Heizkessel schien. Aschehaufen hatten den Eingang zugekleistert, und sie brach das Aschesiegel mit dem hölzernen, mit Inuu verzierten Kolben ihres Gewehrs. Schwarzer Staub flimmerte im neugeborenen Licht. Sie kroch ins Freie. Die Luft roch intensiv nach Rückständen von Kohle und den fernen Dingen, die der Sturm aus den fruchtbaren Ländern des Armoone herangetragen hatte. Flockige Asche bedeckte die Ruinen, schimmernd in den noch zögerlichen Versuchen der Sonne, sich durch die dunstigen, grauen Wolkenschlieren zu kämpfen. Ansonsten aber war die Welt dieselbe wie vorher, nur ein wenig kälter und dunkler, aber das würde sich ändern, sobald die Sonne ihre gewohnte Kraft wieder zurückgewonnen hatte und die Olwuu wie ein aus der Asche geborgener, schwarzer Diamant erstrahlte.

    Eilaa nahm das Gewehr vom Rücken und schaute sich in den Ruinen um, die Waffe in einer aufmerksamen Haltung, in der Armbeuge liegend wie ein schlafendes Kind. Sie entdeckte weitere Mauerreste, halb versunken im Sand, und eine zusammengestürzte Eisenkonstruktion mit einem weiteren verrosteten Kessel, der sich wie die aufgeplatzte Schale einer metallenen Frucht aus dem Ascheboden hob. Auf der abgerundeten, spröden Haut waren Schriftzeichen der Naran zu erkennen, dürre Runen, deren überbordende Macht schließlich mitverantwortlich gewesen waren für den Untergang des Alten Reiches. Wie alle Caadon hatte auch Eilaa gelernt, sie zu lesen. Andorf & Rosenberg Compagnie Crieenland entzifferte sie und wischte mit der Hand über die in das Eisen geätzten Zeichen, dunkelbraune Schlieren aus Rost, Asche und feuchten Flechten hinterlassend. Die Ruinen waren also tatsächlich die Reste einer Mine aus dem Alten Reich. Aus welchem Zeitalter hingegen wusste Eilaa nicht genau. Obwohl ihr die Bezeichnung Crieenland als alter Name der weiten Gebiete westlich von Yerion geläufig war, konnte sie diese Compagnie keiner Herrschaftszeit eines Königs der Naran zuordnen. Sie würde Raaun Weisshand, den Marad ihrer Himmelsbarke, danach fragen, auch wenn sie nicht wusste, ob er ihr eine Antwort geben konnte oder wollte. Das Studium und die Interpretation des Naranduune, die große Schrift über das Alte Reich, war eine verschwiegene, komplizierte Angelegenheit, die selbst erfahrenen Caadon nur in wohldosierten Bruchstücken zugänglich gemacht wurde. Sie lernten, was sie wissen mussten, um die wertvollen Artefakte der Naran von den nutzlosen unterscheiden zu können. Viel mehr aber gestanden die Priester der Aevad ihnen nicht zu, und Eilaa ahnte, dass auch Raaun Weisshand sich mit wohlüberlegten, sanften und gerade deswegen so autoritären Worten auf dieses uralte Prinzip der Teilung von Geist und Hand berufen würde, sollte sie es für nötig erachten, ihn nach Crieenland oder einem mit dieser geographischen Bezeichnung verbundenen König zu fragen.

    Der Eingang in die Unterwelt der Ruinen war kaum zu erkennen, doch Eilaa hatte auf ihren Fahrten in die verlorene Welt von Yerion zu viele verborgene Türen, verschüttete Zugänge und eingestürzte Pforten gesehen, um die unter einem Gewirr aus Eisenstreben und mit Traumflechten verhangenen Steintrümmern verdeckte Treppe nicht fast augenblicklich zu sehen. Es war ein Spalt dichter Schatten, verlockend und drohend zugleich. Eisenstufen führten in die Dunkelheit hinab. Es könnte dort Geister geben, dachte Eilaa. Möglicherweise Geister aus Metall und Aev. Lebendes Eisen, gefangen in Träumen aus langsam pochenden Maschinenherzen und zähfließendem Aev. Ein schlafender Wächter, der hier draußen in der Wüste den Ruf des Eisenvaters nie gehört hatte.

    Sie schob die Bärte aus Traumflechten mit dem Gewehrlauf zur Seite und klopfte auf ihre Stirn, um die verbliebene Kraft der Lichtkugel aus ihrem Schlaf zu wecken. Ein ätherisches, weißes Licht fächerte sich staubig auf die Eisenstufen, trieb die Schatten in die Tiefe, hinab in das Erdreich unter der Aschenwüste. Vorsichtig stieg sie nach unten. Die Stufen knarrten gereizt unter der plötzlichen Belastung. Es mochten Jahrhunderte vergangen sein, seit sie das letzte Mal das Gewicht von eisenbeschlagenen Stiefeln getragen hatten.

    Die Treppe führte über mehrere Zwischenböden in ein hohes, steinernes Gewölbe. Ein ehemaliger Zugangsschacht zur eigentlichen Mine, vermutete Eilaa, und sie fragte sich, wieso sie diesen Ort auf den Karten der Tama nie gesehen hatte. Auch kein Caadon hatte davon berichtet, so nahe an der Stadt auf eine Mine der Naran gestoßen zu sein, und in Eilaa erwachte eine fast kindliche Hoffnung, dass diese Ruinen mehr bargen als verrostete Eisentrümmer, Steinhaufen und Geister aus Asche und Traumflechten. Trumé Zweimond, ihr üblicher Adumaa, würde ihr einen guten Preis machen, sollte sie ihm metallurgische Gerätschaften oder gar mit Electricitaet betriebene Maschinen anbieten. Sie fühlte sich wie eine der frühen Caadon, Jahrhunderte zuvor, die nach der Taalondé, dem Anspruch der Erhabenen, damit begannen, das Alte Reich zu erforschen. Eine Nekropole der Verheißungen.

    Sie gelangte zum Ende der Treppe und stand in einem kaminartigen, fast annähernd quadratischen Raum. Der Lichtkegel ihrer Maske streifte über kopfgroße, von der Decke gefallene Steintrümmer und weiteren Eisenschrott, verbogene Geländer und zu braunroten Spinnen verrostete Maschinenteile, wertlose Zahnräder, Pleuelstangen, Kolben. Es musste einen weiteren Zugang geben, der tiefer nach unten führte, und sie fand ihn nach kurzer Suche. Eine gänzlich verschüttete Türe, von endlosen Jahren zu fester Form verbackene Trümmer, unmöglich weiter nach unten zu kommen. Ihre so hoffnungsvolle Unternehmung endete schon hier. Sie durchsuchte den Grund des Zugangsschachts bis in den letzten Winkel, klopfte auf die von Flechten und grauschwarzem Staub bedeckten Wände, um Öffnungen oder versteckte Hohlräume zu finden, fand aber nur den Spott eines gespenstischen Echos, das von den Wänden prallte, den Kamin aufwärts kletternd, auf der Suche nach jener Freiheit, die das Raunen des Windes am oberen Eingang versprach.

    Etwas bewegte sich hinter ihr. Das Geräusch rieselnden Steins.

    Sie wirbelte herum, das Gewehr im Anschlag. Der staubige Schein der Lichtkugel wanderte über eine von Schatten bevölkerte Wand hinter der Eisentreppe, die sie erst wenige Augenblicke zuvor hinabgestiegen war. Vielleicht nur ein troglophiles Tier, das aufgeschreckt vom plötzlichen Licht sein Nest verließ.

    Sie näherte sich dem Geräusch, bückte sich unter die Eisenstreben der Treppe und begutachtete die Wand, der sie auf ihrem kurzen Rundgang kaum Beachtung geschenkt hatte.

    Auf der porösen Mauer erschien ein Riss, wie eine trockene Kruste, die unter Druck aufbrach, feine Adern, die ein Netz aus Kapillaren auf die Wand malten. Kleine Steine und Erdbrocken rieselten zu Boden, bildeten kleine Kegel, wie irdene Pyramiden aus Sand und Zeit.

    Etwas brach hervor, und es war kein blinder Höhlenmolch, der sich ein neues Zuhause suchte.

    Eilaa wich zurück, den Gewehrlauf auf die Wand gerichtet, der Lichtkegel ihrer Maske eine unheilvolle Beleuchtung der sich ausbreitenden Risse. Sie stolperte über eine Eisenstrebe, fiel beinahe hin, konnte das Gleichgewicht aber halten und stieß mit der Ferse an die erste Treppenstufe.

    Was auch immer da erwachte, es musste groß sein und schwer.

    Lass es kein Voor sein, gnädige Königinmutter, flehte Eilaa und stieg die Treppe hinauf, während sie gleichzeitig die Wand unter ihr beobachtete, aus der immer größere Steine und von Flechten verklebte Erdbrocken fielen, als versuche eine unsichtbare, im Felsen gefangene Kraft in die Welt hinaus geboren zu werden.

    Als sie in das trübe, von letzten Aschenebeln verschleierte Tageslicht hinaustrat, brach die Wand mit einem ohrenbetäubenden Getöse zusammen, und gleich darauf hörte Eilaa das hässliche Schaben von Metall auf Stein.

    Eine Maschine. Große Candra stehe mir bei. Geist und Hand.

    Ein Daar, vielleicht gar ein Voor. Nun wurde ihre Suche zu einem Kampf. Sie konnte sich hier nirgends verstecken, und die weite, offene Aschewüste verunmöglichte eine Flucht. Ihr blieb nur ein wohlüberlegter Angriff und die Hoffnung, dass der Daar nach langem Schlaf nicht über seine vollständigen Kräfte verfügte.

    Eisen schlug auf Eisen. Ein metallisches Echo. Der Daar hatte die Treppe erreicht. Seine Schritte waren schleppend und langsam, hallende Glockenschläge in der Dunkelheit. Vielleicht hatte sie eine Chance. Nur eine. Aber immerhin.

    Sie rannte in die Wüste hinaus, schwarze Aschewolken unter ihren Stiefeln, und positionierte sich hinter einem schräg in den Boden ragenden Trümmerstein, die Reste eines Torbogens. Der Eingang zum Treppenschacht war von hier aus gut einzusehen, und wenn ihr erster Schuss misslang, hatte sie über diese Distanz noch die Zeit, einen zweiten zu versuchen.

    Der aber würde treffen müssen.

    Würde töten müssen.

    Sie kniete sich an den Stein und legte das Gewehr an, den linken Ellenbogen auf den schräg abgeflachten Stein gestützt, um den Schaft so ruhig wie möglich zu halten. Das halb im hölzernen Schaft versenkte Magazin des Repetiergewehrs fasste sechs Patronen, die Messinghülsen mit stärkenden, spinnbeindünnen Inuu versehen. Auch das Gewehr selbst trug mehrere Inuu, unter Aufsicht eines Marad in das harte, dunkle Holz von Schaft und Kolben geschnitzt, und auch Lauf und Verschluss zeigten mit eisenätzender Farbe eingefügte Zeichen, die Hand, Auge und Verstand leiteten, eine Zielhilfe der Geister.

    Eilaa stellte die Optik der Maske auf Vergrößerung, klappte das Gewehrvisier hoch und suchte die Verbindung von Kimme und Korn. Ihr Atem ging ruhig, hob und senkte sich wie das Seitensegel einer Himmelsbarke im Wind. Sie sprach die Liturgie der Zuversicht. Was kommen musste, würde kommen. Sie war nur hier, um den Platz einzunehmen, den Mawé ihr zugewiesen hatte.

    Die Schatten im Schachteingang bewegten sich, wurden zur Seite geschoben wie ein alter, vergilbter Vorhang. Eine gedrungene Gestalt trat in das knochenweiße Wüstenlicht hervor. Das müde Sonnenlicht spiegelte sich in einer von Steinstaub und Erde verschmierten Metallhaut. Stumpfes, gebrochenes Eisen, das vor Jahrhunderten in den Manufakturen der Naran geschmiedet worden war. Erschaffen, um den Herrschern des Alten Reiches zu dienen, schließlich aber dazu bestimmt, ihr Reich zu vernichten. Soldaten, die nie müde wurden, keine Angst verspürten und nicht zögerten.

    Eisen und Aev. Die verhängnisvolle, vermessene Verbindung, die Yerion den Untergang gebracht hatte.

    Der Voor schaute sich um. Er suchte nach ihr. Sein schlanker Kopf schwenkte herum. Seine Bewegungen wirkten fahrig und unbeholfen, als müsse er sich erst an die Stabilität seiner eigenen Glieder gewöhnen, und wahrscheinlich kam das der Wahrheit sehr nahe. Eilaa wusste nicht, wie lange der Daar diesen vergessenen Ort bewacht hatte, aber es konnten Jahrhunderte sein. Äonen. Vielleicht hatte man ihn schon vor dem Ruudarune, dem Krieg der Naran gegen die Daar, in diese Wand gesetzt. Ein ruhender Wächter, der in seinem steinernen Versteck nie die befreiende Stimme des Eisenvaters vernommen hatte und nun dem Protokoll folgte, das seine Erbauer ihm in den Kopf gesetzt hatten wie eine mechanische Inada, eine Schriftrolle aus hauchdünn gewalztem Stahlblech, umwoben von Aev und dem Versprechen ewigen, maschinellen Lebens.

    Die im bronzenen Metall wie dunkle Löcher wirkenden Augen des Voor glitten über die Steintrümmer, drangen in Winkel und Schatten. Lidlose Pupillen mit Sehnerven aus flimmerndem Aev. Selbst nach Jahrhunderten war das Harz des Mutterbaums noch lebendig und bereit, jenen Dingen Leben zu verleihen, die kein eigenes Leben besaßen.

    Wenige Augenblicke später sah der Voor sie. Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem eisernen Schädel, als der darunter verborgene, erwachende Cortex ihre Anwesenheit untersuchte, ihre Berechtigung.

    Dann sprach er in der Altsprache, und obwohl Eilaa die verlorene Sprache der Naran erlernt hatte, fiel es ihr schwer, seinen schleppenden, müden Worten zu folgen.

    Diese Einrichtung untersteht der ARC Crieenland nach §48 der Verordnung Einschränkungen für Industrieanlagen des Bureaus für Metallurgie und Montanwirtschaft, Jahrgang 1881. Unbefugten ist der Zutritt untersagt. Bitte weisen Sie sich unverzüglich aus!

    Seine träge Stimme klang, als reibe man rostiges Eisen aneinander, unterlegt von einem seltsamen, feuchten Gurgeln. Das Lied des Aev, das nach Jahrhunderten der klebrigen Starre erneut eine flüssige Konsistenz annahm und in die verworrenen Labyrinthe eiserner Poren vordrang.

    Eilaa erfasste das unsichtbare dritte Auge des Voor, zog den Abzug bis zu diesem feinen, fast unmerklichen Widerstand, der die Grenze zwischen Leben und Tod bedeutete, ein schwarzer Rubikon. Sie atmete aus und schoss.

    Ein weißer Knall zerriss die Ruhe. Irgendwo stieb ein Wüstenvogel in den bleichen Himmel auf. Der Schuss war perfekt platziert. Der richtige Winkel, die richtige Distanz. Der Voor torkelte rückwärts, ein schwarzes Loch in der Stirn. Blauer Dampf drang daraus hervor wie schwebendes Blut. In der seltsamen Nachahmung einer menschlichen Geste fasste er sich an die Stirn. Blaue Schlieren verklebten seine Metallfinger. Verwundert betrachtete er seine Hand, öffnete und schloss die Finger, die klebrige Fäden zogen.

    Eilaa zog den Unterhebel und warf die Messingpatrone aus. Die rauchende Hülse zeichnete funkelnde Wirbel in das Wüstenlicht und fiel dann zu Boden. Das klackende Geräusch des Ladehebels war in dieser staubigen Stille so laut wie ein Donnerschlag in der Nacht.

    Der Voor blickte auf.

    Seine Synapsen klickten und knisterten.

    Dann griff er an.

    Er zog ein Schwert aus Schattenstahl. Schwarzer Rauch, der lebte. Mit einem harten Wort in der Altsprache verlieh er der Klinge dunkle Festigkeit und Form. Ein Schimmer aus Aev wellte sich über die verdichtete Materie, die nun aussah wie dunkles Eis. Nur die mit Suulblut und Aev gehärtete Klinge eines Koona konnte diese gefürchtete Waffe der Daar parieren.

    Während der Voor in einen schnellen Lauf überging, die wie flüssiger Schatten flimmernde Klinge schräg nach unten haltend, legte Eilaa erneut an und legte das von bläulichen Rauchfingern umwobene Loch in der Stirn des Daar in die Verlängerung des Visiers.

    Hand und Geist. Geist und Hand.

    Ein letzter Versuch, und – Unaa, leite meine Hand! – er musste gelingen. Eine zweite Kugel exakt in die schon vorhandene Eintrittswunde gesetzt. Ein implodierender Feuersturm im empfindlichen Cortex des Maschinenkriegers. Die Kunst des Timaude, wie nur die Caadon sie erlernten. Doppeltes Sterben. Diese in tausenden Stunden eingeübte Technik war imstande, einen heranstürmenden Voor auf kurze Distanz zu stoppen.

    Scheiterte sie, war ihr Schicksal besiegelt, und ein Maeve würde ihre vom Körper gelöste Seele ins Dalacandra tragen, wo sie im Schatten des Mutterbaumes auf die Heimreise ins Olioné wartete.

    Der Voor stürmte heran. Aschestaub und kleine Steine wirbelten um seine schweren Schritte. Ein hohes Singen begleitete seinen Angriff. Der Schattenstahl, der die Luft zerschnitt. Er hob seinen Kopf wie ein hungriger Wolf, als wittere er den fremden, aufregenden Geruch seiner Feindin. Ein rhythmisches Klicken drang aus seinem Metallschädel. Feine Kalibrierungen des Kampfes, Justierungen von Distanz, Geschwindigkeit, Kraft. Mechanismen der Naran, erdacht vor Äonen, um die Welt zu verstehen, zu beherrschen, sie schlussendlich zu zerstören.

    Eilaa atmete aus und schoss.

    Sie traf.

    Timaude.

    Der Kopf des Voor implodierte in einer Wolke aus blauem Blut, Metallsplittern und wie tote Würmer umherwirbelnden Nervensträngen. Eine Wirbelsäule aus einer knochenähnlichen Substanz kam zum Vorschein, ein bleicher Stumpf, der aus einem bronzenen Torso ragte wie ein gesplitterter Baum. Der Voor sackte zusammen, ging aber noch wenige Schritte, als weigere er sich, den Verlust seines Kopfes anzuerkennen. Die Klinge aus Schattenstahl erlosch, als sich die Befehlsgewalt des Daar zusammen mit den Splittern seines Cortex auf dem Wüstenboden verteilte. Die Hand hielt nur noch einen metallenen Griff, auf dem die Insignien seiner Schöpfer prangten. Nun sinnlose Zeichen, der Lächerlichkeit preisgegeben.

    Ein letzter Schritt, das Torkeln eines Betrunkenen, der ahnte, dass er es nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würde, bevor seine Kräfte ihn verließen, dann fiel der Voor der Länge nach hin. Seine schweren, metallischen Glieder folgten der Gravitation, die auch die Naran nie überlistet hatten, und der Maschinenkrieger verschwand kurzzeitig in einer Wolke aus dunklem Aschestaub und blauen Dämpfen.

    Eilaa zog den Ladehebel durch. Die Patronenhülse wirbelte und tanzte. Ein triumphierendes Glitzern im fahlen Licht. Erst als die Staubwolke sich gelegt hatte, nahm Eilaa das Gewehr von der Schulter und erhob sich aus ihrem provisorischen Gefechtsstand hinter den Steintrümmern.

    Sie hatte einen Voor im offenen Gelände erlegt.

    Er hat lange geschlafen, Herzseherin, andernfalls wäre die Sache anders ausgegangen.

    Eilaa drängte diesen beunruhigenden Gedanken beiseite und näherte sich dem eisernen Kadaver, der im Staub lag wie ein von einem Riesen liegengelassene Puppe. Blauer Dampf stieg immer noch aus seinem Rumpf, unterlegt vom Gestank verbrannten Horns, heißen Metalls und einer süßlichen, eigentümlich verführerischen Note. Der Geruch von Aev.

    Eine Weile betrachtete sie den leblosen Körper. Im von Staub überzuckerten Metalltorso klickten die verzweifelten Versuche unterbrochener Relais, die Energieströme wieder in Fluss zu bringen, das Aev durch die Adern aus Fibril zu leiten, um den Daar aus seiner Ruhe zu erwecken und ihn der AMC Crieenland weiter dienen zu lassen, sein einziger Daseinszweck.

    Aus diesem Schlaf aber würde es kein Erwachen mehr geben. Eilaa schob das Repetiergewehr auf den Rücken und kauerte sich hin. Sie griff nach ihrem Messer, das in einer Scheide aus poliertem Eisenholz am Gürtel hing, und tastete mit der Hand nach der richtigen Stelle am Torso des Voor. Der gebogene Brustkorb war noch warm. Selbst durch die Handschuhe spürte sie die versiegende Kraft des Aev unter dem Metall. Unterhalb der linken Achsel, verborgen unter einer Schicht aus weichem Fibril, fand sie, wonach sie suchte: der Zylinder für die Öffnung des Herzraumes. Sie kratzte die weiche, elastische Masse mit der Messerspitze weg und begutachtete den Zylinder. Er war unversehrt, ein glänzendes Schloss, seit Fertigstellung in den Manufakturen der Naran ungeöffnet. Wahrscheinlich hatte man diesen Daar gleich nach seiner Geburt in diese Minenanlage beordert und in Stasis versetzt. Die wenigen Minuten, die vergangen waren, seit Eilaa ihn geweckt hatte, waren möglicherweise seine gesamte Lebenszeit gewesen, die er bei wachem Bewusstsein verbracht hatte.

    Sie hatte ein Maschinenkind getötet.

    Wie traurig, grinste Eilaa und schob die Messerspitze in den feinen Spalt, der den Zylinder in zwei identische Hälften trennte. Sie suchte nach jener entscheidenden Stelle, die den Torso aufschloss, so wie die Naran-Gelehrten der Tama-Kaste es den angehenden Caadon auch heute noch an einem einzig zu Lehrzwecken erbeuteten Daar zeigten. Ein feines Klicken ertönte, als die Stahlspitze des Messers den in eisernen Eingeweiden versteckten Mechanismus in Bewegung setzte.

    Sie löste die fingerdicke ovale Platte vom Brustbein des Voor. Fibrilfäden klebten daran. Darunter lag das Blauherz des Maschinenkriegers, die Aev-Quelle, die totem Eisen organisches Leben schenkte. Fünf mal Drei-Domo zahlte ein Adumaa für ein Blauherz, und dieses hier war unbeschädigt und zudem beinahe unverbraucht. Selbst in einer jahrhundertelangen Stasis hatte es den schlafenden Organismus des Voor kaum mit Energie versorgen müssen. Wenn sie den Verkauf mit dem nötigen Geschick anging, würde Trumé Zweimond vielleicht gar fünf Mal Vier-Domo in die mit goldenen Inuu von Glück und Wohlstand verzierte Eisenholzschale legen.

    Morgen würde sie Raaun Weisshand für das Malen eines kaligraphischen Inuu bezahlen, das ihre Tat beschrieb, und sich dann die bunten Nervenstränge des Voor in den Gewehrlauf einflechten lassen, so wie es alle Caadon taten, die einen Voor getötet hatten.

    Später würde man ihre Geschichte an den Herdfeuern erzählen.

 

 

Sonnengesangs letztes Lied


Als Ard Schattentänzer den Kriegsgesang der Daar hörte, wusste er, dass er heute sterben würde. Er dachte kurz über diese Erkenntnis nach, doch begriff, dass er seine Gedanken verschwendete. Ziellos zu denken, ist zügellos zu handeln, hörte er die Stimme seines alten Nama, dessen Schwert Sonnengesang er trug. Ard aber hatte ein Ziel: Bevor er auf den Schwingen eines Maeve ins Olioné reiste, um in den großen Traum von Mawé einzugehen wie ein feiner Regentropfen in ein gewaltiges Meer, würde er mit den Daar tanzen. Ein scharlachroter, ein dunkler Tanz, wie er es seinem Namen schuldig war, begleitet von der silberhellen Musik seines Koona.

    Er war der letzte Valaan, der die fruchttragenden Mutterbäume in der Triangulation der Blumen von Eawanu bewachte. Seine Oosadane, die Einheit seiner Schicksalsbrüder, war seit dem letzten Angriff der Daar zerbrochen. Vor wenigen Tagen erst hatte er Meda, seinen ersten und letzten Schüler, mit Weißschieferöl einbalsamiert, auf einem von Traumflechten bewachsenen Felstisch unweit der Mutterbäume verbrannt und seine Asche in einem Konu-Gefäß verwahrt. Nun würde es niemanden mehr geben, der die vier tönernen Urnen der Valaan in die Schmieden der Koodame brachte; und niemand würde seinen eigenen leblosen Körper verbrennen und die langen Lieder des Erwachens für ihn singen. Er würde eine Trophäe der Daar sein, ein Artefakt aus geschundenem Fleisch und geronnenem Blut, verschleppt in den Tempel eines Room. Die Vorbeter würden sich über seinen Leichnam beugen, dessen Seele zu diesem Zeitpunkt bereits ins Olioné reiste, und mit nachdenklichen Mienen – ihre Cortexe getränkt vom Gift uralter, überheblicher Theorien – über seine seltsame organische Vergänglichkeit nachdenken. Eine Vergänglichkeit, die die Daar nicht kannten. Zumindest nicht auf diese Weise, denn auch sie waren schließlich nicht unsterblich.

    Ard Schattentänzer würde sie an ihre eigene Art der Vergänglichkeit erinnern.

    Die Daar streiften durch den lichten Wald im Süden. Sie waren kaum eine Meile entfernt, und ihre eisernen, vollkommen synchronen Stimmen formten unverständliche Liturgien, die sich von den semantischen Zwängen der Sprache ihrer lange vergangenen Schöpfer befreit hatten. Ard ging davon aus, dass es die gleiche Einheit war, die seine Oosadane vernichtet hatte: sieben Voor, um Krieg zu führen; ein berittener Room, um die Wahrheit des Eisenvaters zu verkünden; einige Croma, um das Feld zu ebnen. Ihre eisernen Füße verdarben den Boden, ihr öliger Atem verdarb die Luft. Sie waren weit weg von ihren Stasiskammern, eiserne Särge in der Dunkelheit der Erde, genährt von synthetischem Aev und umworben von den blasphemischen Gebeten der Scoon. Das Harz der Mutterbäume, die Ard mit seinem Leben beschützte, würde schließlich auch ihnen gehören. Er hatte die pathetischen Träume von einem Sieg im Angesicht einer solchen Übermacht lange schon überwunden. Aber er würde dafür sorgen, dass sie einen hohen Preis für ihre Schändung zahlten; vielleicht einen so hohen, dass ihre Einheit zerbrach und sich in der Wildnis des Armoone nie wieder neu formen konnte. Er war nicht zügellos, nicht ziellos. Sein Ziel war ihr Priester, der hässliche Kopf des Room. Die Seele ihrer Gemeinschaft. Sie mochten die Stimme des Eisenvaters so weit draußen möglicherweise noch empfangen, doch ohne die Verstärkung des Vorbeters würde sie zu leise sein, um noch wirklich gehört zu werden.

    Ard rannte zum felsigen Abhang über dem tiefen Tal, das auf ihren Karten mit dem etwas beiläufigen Namen Blaue Kluft verzeichnet war. Der Name hatte seinen Ursprung in den Katzenaugen, die in pelzigen, blauen Teppichen die Flanken des schmalen Tales bewuchsen. Von hier aus ließ sich der südliche Waldrand überblicken. Die Voor mussten diesen Weg nehmen, um zur Kolonie der Mutterbäume zu gelangen oder in östlicher und westlicher Richtung einen langen Umweg in Kauf nehmen, der zudem durch dicht bewaldetes, von zahlreichen Erdklüften zerfurchtes Gelände führte. Zu unwegsam für den schweren, ungelenken Drauc des Room. Die kleine Lichtung am Ende des Talgrund würde der Ort ihrer Begegnung sein. Ard schien es, als wäre sie vor Jahrhunderten eigens zu diesem Zweck aus der Landschaft geschnitten worden. Eine ovale Arena aus hartem Donnergras, umgeben von grausilbernen, geraden Buchen, stumme Zeugen und unbestechliche Richter zugleich.

    Die Gesänge wurden lauter, aufdringlicher. Die Luft vibrierte unter ihrer üblen Berührung. Ard glaubte sie schmecken zu können, ein metallischer, leicht chemischer Geschmack, als habe man Blut mit den Rückständen eines öligen, erzhaltigen Treibstoffs vermengt. Er holte ein optisches Glas aus seiner Hüfttasche, skalierte es auf mittlere Entfernung und beobachtete den Waldrand. Die Schwarzdornbüsche im Schatten der Buchen zitterten, in Unruhe gebracht von einem ätherischen Wind. Kleine Vögel stieben in den silbergrauen Herbsthimmel auf und setzen sich in die Kronen der nahen Bäume. Die Daar würden bald das Tal betreten, aber noch einige Zeit benötigen, es zu durchqueren. Ard hatte genügend Zeit, sich auf seinen Tod vorzubereiten. Es mussten Schnitte gezeichnet und Lieder gesungen werden. Hoher Vater Daain, Stammvater seiner Kaste, würde anwesend sein, wenn die Klinge Sonnengesang ihr letztes Lied anstimmte, und die Tausend Geister würden sich kühl und tröstend um ihn weben, seine Seele behüten bis zur Ankunft des Maeve.

    Er ging zurück zur Kolonie, ein uraltes Heiligtum aus fünf im Kreis angeordneten Bäumen, deren hohe Kronen über Äonen ineinander verwachsen waren. Die blaugraue Rinde ihrer wie Steinsäulen im Boden verwachsenen Stämme war zerfurcht, an vielen Stellen aufgesprungen oder zu langen Rissen geöffnet wie schwärende Wunden. Zu schwarzem Glas vertrocknetes Harz schimmerte in diesen Vertiefungen. Die Rückstände von Aev. Nur zweimal im Jahreskreis – im Frühjahr und im Herbst – verflüssigte sich das Baumharz, und die wie knöcherne Finger verschränkten Äste trugen kleine, blauviolette Blüten, die wenige Tage später bereits wieder vergingen.

    Ard ging an den Mutterbäumen vorbei, der Flanke des weitgeschwungenen Hügelrückens entlang, auf dessen Rückgrat die Kolonie wohl seit Jahrtausenden wuchs, und dann den Hügel abwärts durch einen hellen Buchenwald, der an einem Bach mit braunschwarzem Wasser endete. Eine uralte, halb zerfallene Holzbrücke spannte sich über den Wasserlauf. Früher musste sie stark genug gewesen sein, um Fuhrwerke zu tragen. Heute war sie kaum mehr in der Lage, der Macht eines Herbststurmes standzuhalten. Ard machte sich nicht die Mühe, das von Schwammpilzen und feuchten Flechten bewachsene Holz auf seine Belastbarkeit zu prüfen und watete durch den knietiefen Bach. Das Wasser war kalt und zog an seinen eisenbeschlagenen Lederstiefeln, ein schmatzendes, verlangendes Geräusch.

    Auf der anderen Seite lag ein langes, niedriges Steingebäude, das so zerfallen und von Dornengestrüpp verwachsen war, dass es fast wie eine natürliche Felsformation wirkte, die einer Laune der Natur wegen wie ein Gebäude aussah. Aber tatsächlich war es ein Haus, die Überreste einer kleinen industriellen Anlage zur Gewinnung von Celestium, wie Aev in der Sprache des Alten Reiches genannt worden war. Element des Göttlichen. Aber die Naran hatten einem anderen Gott gedient, einem männlichen, rachsüchtigen Gott, der alleine herrschen wollte und in seiner Hybris zugelassen hatte, dass seine Kinder, das Volk Gottes, die Daar erschaffen konnten.

    Aber es waren die Naran selbst gewesen, die schließlich ihre eigene Kultur und mit ihr die halbe Welt zerstört hatten.

    Ard eilte in das Innere des zerfallenen Gebäudes. Der Dachstuhl war fast gänzlich eingestürzt, die Balken schwarz gegerbt, das Mauerwerk von zähen Traumflechten überwuchert. Seine Oosadane hatte hier vor zwei Jahren das Lager der letzten Wache übernommen, deren Valaan nach Jahrzehnten des treuen Dienstes zu alt geworden waren, um weiterhin in der Wildnis zu leben. Die alten Suul hatten die Celestium-Mühle zu einem ansehnlichen Aufenthaltsort umgestaltet, so gut es ihnen mit ihren begrenzten Mitteln eben möglich gewesen war: ein Schlaflager mit sauberen Matratzen und bestickten Wolldecken unter einem Baldachin aus der mit Wachs versiegelten Hülle der Gasbarke, mit der sie vor Jahren von der Sternenmutter hinunter auf den Erdboden von Aruun geschwebt waren; ein gusseiserner Ofen, der hier schon seit Jahrhunderten stand, ein stummes Relikt der Naran, und im Winter dafür gesorgt hatte, dass sie nicht erfroren; eine kleine Werkbank für die Reparatur von Kleidung, Waffen und täglichen Gegenständen; eine Küche mit einem alten Gasherd; in einer von Eisenlaternen erhellten Ecke ein Schrein mit einer von Wildrosen und roten Steinen geschmückten Bronzestatue von Daain. Er bedauerte, dass dieser Ort bald von Daar verunreinigt werden würde. Es war eine Schande, und er fühlte sich schuldig, dass selbst sein Tod nicht ausreichte, diesen Frevel zu verhindern. Aber ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken.

    Hinter dem Schrein befand sich eine schmale, lange Eisentruhe, die mit einem schweren Schloss gesichert war. Ard öffnete sie mit einem Schlüssel, den er an einer feinen Halskette unter der Rüstung getragen hatte. Sie enthielt das Namos, das Herz ihrer wehrhaften und heiligen Gemeinschaft, die nach dem Tod seiner Brüder nun von vier identischen Ascheurnen aus dunklem, glasiertem Konu repräsentiert wurde. Wie es der Brauch war, würde nun Ard dafür sorgen müssen, dass die Geister seiner Brüder an diesem letzten Kampf teilhaben konnten. Er nahm die Urnen aus der Truhe und stellte sie in einer Reihe vor den Schrein; dann sammelte er mit fliegenden Fingern die anderen Dinge ein, die er benötigte: Weißschieferöl in einer gläsernen Phiole, ein klebriger Klumpen dunklen Räucherharzes, getrocknete und pulverisierte Blüten von Wildrose und Mutterbaum, zwei mit machtvollen Inuu von Rauch und Festigung verzierte Bronzeschalen.

    Mit einem Gasfeuerzeug entzündete er die langen, schmalen Kerzen aus rotem Wachs, die wie ein Wald aus Stöcken um die Statue von Daain wuchsen. Die Flammen spiegelten sich in den lidlosen Augen des Hohen Vaters der Laan-Kaste. Der Gott aus Bronze erwachte zum Leben. Ard grüßte ihn und kniete sich dann vor den Schrein. Er legte die eine Metallschale neben sich, zerbrach das Räucherharz darin zu kleinen Klumpen, vermengte es mit den getrockneten Blüten zu einer dunklen Mischung und entzündete sie. Fettiger, roter Rauch stieg auf, kletterte an ihm empor, drang in seine Poren und wob sich um seine knieende Gestalt. Der Duft war schwer und süß. Ard sprach das Gebet von Feuer und Blut. Limu’hede na mara Laan. Die Liturgie drang auf Schwingen aus Rauch mit jedem tiefen Atemzug in seinen Körper ein, sickerte über feine Kapillaren in sein Fleisch und fand schließlich die Kammern seines Verstandes, um sich dort niederzulassen.

    Als die Liturgie sich seines Geistes und seiner Lippen bemächtigt hatte, zog er Sonnengesang aus der Scheide. Die Klinge schimmerte wie helles, von Morgenlicht durchwirktes Wasser. Ard konnte sie singen hören. Ein feiner, kristalliner Ton, der in der rauchverhangenen Luft zitterte. Er hielt das Schwert auf den Handflächen und hob es in den Blick von Daain. Als er sich sicher war, dass der Iruuma gesehen hatte, wie rein die Klinge seines Kriegers war, legte er die Waffe vor sich auf den Schoss. Er öffnete die Urnen, nahm aus jeder ein wenig Asche und vermengte sie in der anderen Metallschale mit dem Weißschieferöl zu einer braungrauen, öligen Paste. Diese strich er mit kreisenden Fingern auf die flache Seite der Klinge, während er weiter seine Liturgie sprach. Die dunklen Schlieren bildeten verschwommene Inuu auf dem schimmernden Metall. Der Geist seiner getöteten Brüder sank in die Struktur des Stahles. Er nahm das Schwert und entblößte seinen linken Unterarm. Dann zog er die bis zur kristallinen Unkenntlichkeit geschärfte Schneide mit einem schnellen Streich über die Haut etwas unterhalb der Armbeuge. Die Klinge hinterließ eine feine, aber tiefe Wunde. Hellrotes Blut trat hervor, lief in dünnen Rinnsalen seinen Arm hinunter, tropfte auf den staubigen Boden. An der Schneide schimmerte das frische Blut so rein und heiß wie flüssige Glut.

    Sonnengesang trank; und Ard ließ das Schwert trinken, bis es nach mehr verlangte. Er hörte seine Stimme, ein auf- und abschwellender Gesang, der in seinem Verstand widerhallte. Limu’hede na mara Laan. Sein Koona war bereit, ihm in diesen Kampf zu folgen. Ein letztes Mal.

    Als er sich wieder auf dem felsigen Plateau über der Blauen Kluft befand, sah er, dass die Daar bereits den Wald verlassen hatten. Im fahlen Herbstlicht glänzende Schemen, die sich in einer langsamen Kolonne vorwärtsbewegten. Ihr Kriegsgesang eilte ihnen voraus, prallte von den Hängen des Tals und verlor sich in den Wäldern. Ard holte sein Fernglas hervor. Es waren tatsächlich dieselben Daar, die im Verlauf der letzten Wochen nach und nach seine Brüder getötet hatten. Sie wussten, dass die Oosadane dieser Kolonie über keine Reserven mehr verfügte, und nun waren sie zurückgekehrt, um die Geschichte zu beenden und die Mutterbäume in ihre Versorgungskanäle einzuschleusen. Er skalierte das Fernglas auf Nahsicht und sein Blick traf auf den Schädel des vordersten Voor. Er war ihm so nahe, dass er das ätherische, blaue Leuchten in der Tiefe der lidlosen Maschinenaugen erkennen konnte. Er skalierte zurück, angewidert davon, seinen Feinden plötzlich so nahe zu sein, und betrachtete die Einheit aus mittlerer Entfernung. Sieben leicht geduckte Voor, angeführt von einem berittenen Room, im Schlepptau eine Horde katzbuckelnder Croma. Alle trugen sie einen mit einer gehässigen Fratze versehenen blutroten Sichelmond auf knochenweißem Grund. Ein mächtiger, weitverbreiteter Klan, der als Totenmond bekannt war und in der hohen Gunst des Eisenvaters stand.

    Ard Schattentänzer machte sich an den Abstieg ins Tal. Heute würde Gaal, der verfluchte Eisenvater, einen Priester verlieren.

    Er erreichte die Lichtung vor ihnen und kniete sich hin, die Hände auf die Knie gelegt, die Augen geschlossen, Sonnengesang in seiner scharlachrot lackierten Eisenholzscheide am Hüftgurt ruhend, ein pochender Druck, unablässig und verlangend. Das Koona spürte die Anwesenheit der Daar, und es verlangte gezogen zu werden, denn sein Lied war noch nicht zu Ende gesungen.

    Der Maschinengesang verstummte. Die Voor hatten ihn entdeckt. Ard öffnete die Augen.

    Einmal mehr überraschte ihn, wie filigran die Daar gearbeitet waren, obwohl er nur zu gut wusste, welche verheerende Gewalt in ihren Gliedern steckte. Die schlanken Köpfe der Voor suchten die Umgebung nach weiteren Orome ab, ihre schimmernden Haare aus losen, von funkelnden Metallperlen beschwerten Kabelsträngen schwebten an ihren Hinterköpfen, unruhig wie aufgeschreckte Schlangen. Diese Stränge schienen ein eigenes Leben zu haben, einen eigenen Willen, doch Ard wusste, dass sie nur eine sichtbare Verlängerung der mit Aev gespeisten Cortexe waren, die in den geschwungenen Bronzeschädeln ruhten. Selbst auf diese Entfernung konnte er hören, wie die Synapsis ihrer uralten Gehirne klickte und knisterte. Es war die Sprache, die sie untereinander verwendeten und die selbst den Gelehrten der Tama-Kaste weitestgehend ein Rätsel war. Die Voor waren einst als Soldaten und Ordnungskräfte geschaffen worden, und das waren sie im Grunde noch immer, auch wenn sie ihre Erscheinung während Jahrhunderten an die Gegebenheiten ihres neuen Daseins angepasst hatten, verändert von den Einflüssen ihres Übervaters Gaal, der ihren einst von Menschen gelenkten Willen zu seinem Willen gemacht hatte. Diese Daar hier schienen allesamt Daarma, Überlebende des Ruudarune, jenem schnellen, verheerenden Krieg, der die Kultur der Naran vernichtet hatte. Sie waren nie umgebaut, nie in den Kreislauf von Eisen, Öl und Feuer zurückgegeben worden. Sie waren ursprünglich, uralt und erhaben, der eigentliche Adel der Maschinen. Ihre Körper waren aus schlanken Metallmuskeln modelliert, umgeben von semiorganischem Fibril, die Messingplatten ihrer Rüstung mit einer lieblich anmutenden, blumenhaften Ornamentik ziseliert, nur gebrochen vom Kontrast des mit grellen Farben in die Metallhaut geätzten Klan-Symbols. Die gefährlichste ihrer Waffen lag noch verborgen in einer in die linke Armschiene eingelassenen Vertiefung, während die offensichtlichere, eine schwere Parabellum-Repetierpistole, in einem offenen Metallholster am rechten Oberschenkel ruhte.

    Einmal mehr aber war Ard überrascht von der erhabenen und doch so gewalttätigen Erscheinung des Room, der hoch auf seinem Reittier saß und den knieenden Orome betrachtete wie ein Insekt, das er unter seinen eisernen Stiefeln zermalmen würde; aus purer Langeweile vielleicht oder einer gehässigen Boshaftigkeit. Er glich seinen Soldaten, obwohl er von kleinerer und weniger kräftiger Statur war. Um Kinn und Wangen aber wuchs ihm ein Bart aus eben jenen losen Kabelsträngen, die er gleich wie die Voor zusätzlich auch am Hinterkopf trug; und anders als die Krieger trug er einen langen Mantel aus kunstvoll ineinander verflochtenen Metallschuppen, der schimmerte wie das Kleid eines metallenen Drachens. Wie alle Room trug er keine Waffe, und die brauchte er auch nicht, denn die dunklen Künste seines Amtes waren ihm Autorität genug.

    Sein Reittier, der Drauc, ein absonderlicher Hybrid aus Pferd und Maschine, verdorbener Abkömmling der starken Zuchttiere der Naran, schüttelte seinen gepanzerten Schädel und gab ein schnaubendes, eigentümlich seufzendes Geräusch von sich, als er das Tier mit einem Ruck der Zügel zum Stehen brachte. Der Daar-Priester betrachtete ihn eine Weile, stumm und ohne Ungeduld. Seine Soldaten aber konnten ihre Unruhe kaum verbergen. Sie hatten einen Feind entdeckt, denn es gemäß ihrer Natur zu bekämpfen, zu vernichten galt, doch sie hatten keine andere Wahl als zu warten, bis ihr Vorbeter ihnen mit Worten der Macht erlaubte, den zwischen Gewebe aus weichem Fibril und öligen Nervensträngen pulsierenden Algorithmen zu folgen.

    Aber es war Ard Schattentänzer, der zuerst sprach; und seine Worte waren die alte Liturgie der Herausforderung, so wie die Suul sie seit Generationen sprachen, um einen Zweikampf zu eröffnen. Er erhob sich und breitete die Arme aus, die Handflächen nach außen, als wolle er sein Gegenüber in die Arme schließen. Sonnengesang blieb an seiner Seite, ungezogen, doch verlangend. Ard fixierte den Room mit einem durchdringenden Blick. »Mein Name ist Ard Schattentänzer, und ich bin der Sohn von Arom Zweihand, und ich bin der Ursohn von Ardus Nebelseher, und wir sind die Söhne von Daain, dem Vater der Laan, ewige Gemeinschaft von Feuer und Eisen, und ich fordere dich zum Kampf, verfluchter Abkömmling von Gaal, mit Geist und mit Hand.«

    Der Room lachte. Es klang wie das Husten einer alten Maschine, die ihre letzten klebrigen Treibstoffreserven verbrauchte. »Du willst mich bekämpfen, Himmelsmensch? Du bist alleine. Du wirst sterben wie die anderen.«

    »Ja, Daar, ich werde sterben«, antwortete Ard und kreuzte die Arme vor der Brust. »Aber während ich sterbe, werde ich deinen Kopf in den Händen halten.«

    Er zog Sonnengesang, eine schnelle, geschmeidige Bewegung. Das Schwert fuhr wie von selbst aus der Scheide, beschrieb einen schimmernden Halbbogen vor Ards Brust und zeigte am Ende seiner Bahn in den grauen Himmel hoch, ein weißgoldener, leicht gebogener Schweif. Das Koona sang in der heiligen Sprache des Stahls, ein hohes, energetisches Flüstern, und obwohl Ard sie mit der fettigen Asche seiner gefallenen Brüder und seinem eigenen Blut eingerieben hatte, war die Klinge nun so rein und schimmernd wie am Tage ihrer Geburt in den Schmieden der Sternenmutter. Das Schwert hatte die Blutasche in sich aufgenommen, und nun lebte der Geist der Oosadane in ihm.

    Die Voor erstarrten, und die Croma hinter ihnen wurden von einer plötzlichen Unruhe befallen. Nur der Room blieb ruhig auf seinem von verlorener Mechanik verunstalteten Reittier sitzen.

    »Dies ist Sonnengesang«, sagte Ard und hielt das Koona in die Höhe wie die Monstranz eines Kriegsgottes. »Es nahm das Leben vieler Daar; es trank das ölige Blut von Mephorash, dem schwarzen Herrn der Fliegen; es erschlug Sanguin, Kommandant der Scherbenwächter in der Gläsernen Stadt; und nun wird es auch dich von deinen Leiden erlösen, Vorbeter.«

    »Vernichtet ihn!« befahl der Room seinen Soldaten.

    Die sieben Voor rissen gleichzeitig ihre Repetierpistolen aus den Holstern.

    Das Donnern der schweren Pistolen war eine Urgewalt. Die zehn Kammern der Magazine leerten sich wie die Feuerstöße sieben wütender Stahldrachen. Siebzig Geschosse, die Ard Schattentänzer in ein blutiges Nichts aus Knochen und zerfetztem Gewebe verwandeln würden.

    Als der Rauch sich legte und nur der beißende Gestank von heißem Metall und Schwarzpulver zurückblieb, stand Ard Schattentänzer immer noch.

    Keine Kugel hatte ihn berührt.

    Die Synapsen der Voor knisterten hektisch wie elektrisches Feuer. Sie waren erstaunt, und sie waren wütend. Die Croma hinter ihnen jammerten mit metallischen Stimmen.

    »Er ist ein Kinetiker«, sagte der Room, und die Voor steckten ihre nutzlosen Pistolen in die Holster zurück.

    »Nun kommt«, sagte Ard Schattentänzer und brachte das Schwert mit einer flüssigen Bewegung vor sich. Helle Lichtfinger folgten der Klinge und zerschnitten die Luft zu bleiernen Chimären.

    Die Voor öffneten ihre linken Armschienen und griffen nach den langen Schwertgriffen, die in den Vertiefungen verborgen lagen.

    Schattenstahl.

    Ard wartete nicht, bis die Voor sich zu einer geschlossenen Verteidigung formieren konnten. Er rannte los, und er rannte seinem sicheren Tod entgegen. Das Koona sang und erzählte von den vielen Siegen, die es errungen hatte, auch wenn es ebenso wusste, dass auf diesem Feld der kalten Erde kein Sieg mehr möglich war.

    Nur drei der sieben Voor standen zwischen Ard und dem Room; die restlichen vier flankierten ihren Priester. Gelang es ihm, die Linie dieser drei Daar zu durchbrechen, würde der Room wenige Augenblicke lang schutzlos sein.

    Ein Augenblick würde Ard Schattentänzer genügen.

    Die Voor sprachen die Worte der Macht in der Altsprache, und der lebendige Rauch, der einer unsichtbaren Linie entlang aus den Griffen ihrer Schwerter gekrochen kam wie die schlanken Leiber müder Schlangen verhärtete sich zu Klingen aus einem Stahl, der schwarzem Eis glich.

    Ard erreichte den ersten Voor, glitt im letzten Augenblick unter seinem horizontal geführten Schwerthieb hindurch und schlitterte an eisernen Beinschienen vorbei unter das Maul des Drauc. Noch während der Room das Tier an den Zügeln auf die Hinterbeine riss, um den Orome mit den schweren Pferdehufen zu zertrümmern, stieß Ard sein Koona mit beiden Händen nach oben. Die Klinge glitt durch den eisernen Brustpanzer des Drauc tief in das dahinter liegende Fleisch, so mühelos als zerteile man kaltes Fett mit einem glühenden Eisen. Ard spürte, wie die Schwertspitze das Herz des Tieres durchstieß und Sonnengesang sein Leben trank. Er riss die Klinge zurück und drehte sich in derselben Bewegung zur Seite, um nicht vom fallenden Körper des schon toten Pferdes zerdrückt zu werden. Während der Drauc neben ihm zu Boden stürzte, den gepanzerten Schädel wie der Bug eines sinkenden Schiffes nach vorne geneigt, erhob sich Ard und parierte noch im Aufstehen den vertikal geführten Hieb eines Voor. Er machte nicht den Fehler, den Daar seinerseits anzugreifen und sprang stattdessen auf den Hals des Drauc.

    Ard sah die Lücke, einen Augenblick nur, kaum zwei Herzschläge lang, und er sah, dass auch seine gefallenen Brüder die Lücke sahen. Sonnengesang erglühte zu einem hellen Licht. Es brüllte, frohlockte, triumphierte.

    Jetzt, Schattentänzer. Jetzt!

    Er kickte den immer noch im Sattel sitzenden Room mit einem gewaltigen Tritt nach hinten und sprang auf seine eiserne Brust, während die umstehenden Voor versuchten, ihn mit ihren Klingen zu erreichen und dabei feststellen mussten, dass der wuchtige Kadaver des Drauc sie daran hinderte. Zumindest vorerst noch. Ard sah das Erstaunen in den dunklen, gläsernen Augen des Priesters. Das blaue Leuchten des Aev in der Tiefe der optischen Linsen flackerte unruhig.

    Der Room fürchtete sich.

    Ard stieß Sonnengesang in die weiche Kuhle aus Fibril und Messingsträngen dicht unter dem Kinn des Vorbeters und riss die Klinge noch in der gleichen Bewegung zur Seite, während er gleichzeitig mit der freien Hand den Bart aus losen Kabeln ergriff. Kurz spürte er das seltsame, fiebrige Leben, das in den Kabelsträngen pulsierte, dann verging auch dies, und er hielt den Kopf des Room in der linken Hand, am Bart baumelnd wie eine tote Ratte am Schwanz. Die erloschenen Augen starrten ihn an. Nur nutzlose Murmeln aus kaltem Glas.

    Ein weißes Licht explodierte in seinem Rücken, ein sengendes Feuer, das seine Wirbelsäule zertrümmerte und in seinen Hinterkopf hinauf blitzte. Er brach in die Knie, unfähig die Arme zu bewegen. Seine linke Hand verkrallte sich in den Bart des Priesters, während seine rechte immer noch das Schwert hielt, die Finger zu eisernen Zangen verkrampft, die auch der nahende Tod nicht lösen würde.

    Er rutschte seitlich vom Kadaver des Drauc, schlug mit der linken Schulter und dem Rücken auf den Boden und spürte, wie seine zerschossene Wirbelsäule unter dem roten, mit feinen Inuu geschmückten Eisenholzpanzer in nutzlose Stücke zerfiel. Der Schmerz war unerträglich, doch Ard wusste, dass er ihn nicht lange ertragen musste. Nur Augenblicke noch. Er schaute auf. Die Voor blickten auf ihn herab wie die Gäste einer Beerdigung auf den Leichnam im offenen Grab. Das dunkle Loch einer Pistolenmündung näherte sich. »Stirb, Himmelsmensch!« sagte eine eiserne Stimme in der Altsprache, und dann löschte ein weißes, gleisendes Licht die Welt und alle Schmerzen aus.

    Während seine Seele sich vom Körper löste, um auf den Schwingen eines Maeve ins Olioné zu reisen, hielt Ard Schattentänzer den Kopf des Room immer noch in der Hand; und Sonnengesang sang die letzte Strophe seines letzten Liedes.